In einer Zeit, in der Aufmerksamkeitsstörungen extrem häufig anzutreffen sind oder Grübeln und Tagträumen zu der Unfähigkeit führen, sich selbst und andere angemessen wahrzunehmen, muss das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz AD(H)S, anders definiert werden. Denn galt die Störung der Aufmerksamkeitssteuerung ursprünglich als ein Krankheitsbild, von dem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen war, so zeigt sich jetzt: Entweder sind wir „alle krank“ oder aber wir werden die Ursachen der Aufmerksamkeitsstörungen neu verstehen müssen.

Tatsächlich ist die Unfähigkeit zu kontinuierlicher Aufmerksamkeit, die das Leitkriterium für Aufmerksamkeitsstörungen darstellt, eine Zeiterscheinung. Ob Autofahrer Unfälle riskieren, weil sie nebenbei das Navigationsgerät betätigen oder ob Eltern ihren Kindern nicht zuhören, weil sie nebenbei mit Freunden über SMS kommunizieren – das Phänomen ist überall zu beobachten. Unter diesem Gesichtspunkt stellt dass Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom sich anders dar. Und zeigt Züge, die den Begriff Krankheit zur Diskussion stellen.

Menschen mit AD(H)S können durchaus konzentriert sein
Menschen mit besonderen Qualitäten
AD(H)S – eine Krankheit unserer Zeit?
Menschen mit AD(H)S können durchaus konzentriert sein

Wer intensiver mit AD(H)S-Betroffenen arbeitet, der weiß: Diese sind zu längerer Aufmerksamkeit durchaus in der Lage. Allerdings ist diese Aufmerksamkeit stark von ihren Interessen bestimmt. So könnte man sagen, das Aufmerksamkeitsverhalten eines oder einer AD(H)S-Betroffenen hängt in ungewöhnlicher Weise von seinem Egoismus ab.

Nun hat das Wort “Egoismus” in unserer Gesellschaft einen negativen Beigeschmack. Steht es nicht synonym für unflexibel, unempathisch und selbstbezogen? Gewissermaßen ja. Doch kann man Egoismus auch anders verstehen: Als eine Haltung, die nur auf sich selbst zentriert ist – an dem, was dem Selbst Inhalt verleiht.

Aus unseren Erfahrungen mit erwachsenen und jugendlichen  AD(H)S-Betroffenen wissen wir, dass diese oft intensiv erleben, wie leicht man in unserer Welt den Bezug zu sich selbst verlieren kann. Wir wissen, dass die Fülle der Reize, unter der sie zu leiden anfangen, sie schon längere Zeit belastet und dass sie in innerer Zerrissenheit die Orientiertheit zu sich selbst suchen und von sich selbst fordern, immer flexibler, kommunikativer, multifunktionaler zu  werden.

Menschen mit besonderen Qualitäten

Haben Menschen mit einem AD(H)S-Syndrom also womöglich eine Fähigkeit, die auch anderen nützlich sein könnte? Stellt ihr Leiden teilweise so etwas wie den Versuch dar, eine allseits geforderte Funktionalität und eine extreme Flexibilität zu bewältigen? Möglicherweise. Die Geschichte der Psychotherapeutischen Medizin und Psychiatrie zeigt, dass es immer wieder Störungsbilder gab, die mehr waren als individuelle Leiden, nämlich Hinweise auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Das berühmteste Beispiel sind die hysteriformen Frauen des 19. Jahrhunderts, deren Gelähmtheit Sigmund Freud erklären konnte als den Konflikt zwischen sexuellen Bedürfnissen und der starren Moral dieser Zeit.

AD(H)S – eine Krankheit unserer Zeit?

Was nun damals die starre und ambivalente Sexualmoral war, das ist heute ein kulturelles Muster, das zweigleisig und mit einer Reizüberflutung einerseits ständig Selbstverwirklichung verheißt und andererseits Elastizität und Anpassungsbereitschaft fordert. Wenn der Zwang zur Flexibilität und das permanente Stören der Selbstfindung aber angeblich gesund sind, dann haben wir es mit dem  AD(H)S in einer philosophischen Betrachtung zu tun.  Und aus dieser Sicht ist  AD(H)S mehr als nur eine Krankheit. Es ist eine Zeiterscheinung.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer