Adoleszenzkrisen (siehe auch Identitätskrisen)

Jugendliche in der Krise, ein Fall für den Psychiater? In der Adoleszenz haben junge Menschen schwierige Entwicklungsaufgaben zu meistern, Identität und Selbstwertgefühl, Individualität und Autonomie sind herauszubilden. Vielfach geraten sie dabei in eine Krise. Darin ist zwar nicht unbedingt ein Frühzeichen einer nahenden Psychose zu sehen, trotzdem sollten sie bei der Lösung ihrer Entwicklungsaufgaben nicht sich selbst überlassen bleiben. Franz Resch, der Ärztliche Direktor der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg, plädiert dafür, Jugendkrisen ernst zu nehmen. Schließlich werden in dieser Zeit wichtige Weichen für das spätere Leben gestellt.

Keiner, der „beginnt“, kann wissen, was er in sich finden wird. Wie soll er es auch nur ahnen, da es noch nicht besteht? Mit geliehenen Werkzeugen dringt er in das Leben ein, das „geliehen und fremd, nämlich von anderen“ ist. Wenn er zum ersten Mal plötzlich vor etwas steht, das er nicht erkennt, das ihm von nirgends her kam, erschrickt er sozusagen.

In der Selbstbesinnung das Eigene entdecken
Selbstwert rückt in den Mittelpunkt
Individualität und Autonomie
Anpassungskrisen als Störungen
Erhöhte Irritabilität der Jugendlichen
In der Selbstbesinnung das Eigene entdecken

Die Jugendzeit markiert den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Nicht die Vertreibung aus dem Paradies ist dafür das zutreffende Bild, das Kind wurde schon längst im Vorschulalter mit dem Leben konfrontiert. Vielmehr kennzeichnet diese Periode eine große Chance, in Selbstbesinnung das Eigene zu entdecken und es anzunehmen. Nicht nur mit den Großartigkeiten, Talenten und Erfolgen, nein, auch mit den Schwächen, Engpässen und Gebrechen wird der junge Mensch konfrontiert: Er sucht Wurzeln – biologische und biographische – um das, was er an Möglichkeiten in sich fühlt, wirksam und stimmig zum Ausdruck bringen zu können. Die kritischen Fragen sind: Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Wo ist mein Platz? Zeitgebundenheit und Vorläufigkeit irritieren, weil sie den identitätsstiftenden Gefühlen und ihrem Anspruch auf Absolutheit entgegenstehen. Was veranlaßt den Arzt und den Psychotherapeut, sich den Jugendlichen in diesen Fragen zuzuwenden? Es sind die Krisen, die Brüche in der biographischen Kontinuität, die in der Adoleszenz die psychische Gesundheit des Menschen bedrohen können.

Unter den Entwicklungsaufgaben des Adoleszentenalters ist die Entwicklung von Identität besonders hervorzuheben. Identität beinhaltet die Definition einer Person als einmalig und unverwechselbar durch die soziale Umgebung wie durch das Individuum selbst. Identität ist als Einheitlichkeit des Selbstkonzeptes nicht erfahrungsmäßig endgültig erfaßbar, Identität bleibt immer ein Konstrukt, eine Arbeitshypothese, die sich täglich durch neue Evidenzen selbstreflexiv bestätigen muß.

Selbstwert rückt in den Mittelpunkt

Auch die Frage des Selbstwerts gehört zu den Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz. Der Selbstwert eines Menschen entwickelt sich aus Erfahrungen der Kompetenz und der Akzeptanz.

Im Jugendalter kommt es durch zunehmende Kritikfähigkeit und Selbstreflexion zu einer kritischen Periode der Selbstwertstabilisierung. Wenn Kompetenz und Akzeptanz den eigenen Idealvorstellungen nicht Rechnung tragen, kann dies zur Selbstwertkrise führen.

Individualität und Autonomie

Auch die Entwicklung von Individualität und Autonomie gehören zu den Aufgaben der Jugendzeit. Verselbständigung und Eigenständigkeit entwickeln sich im Spannungsfeld zwischen Autonomiestreben und Bindung. Stierlin nennt das Kunststück einer Synthese beider Bestrebungen „bezogene Individuation“.

Die Ablösungsaufgaben können Jugendliche, die bisher im Einklang mit ihrer Familie standen, aus dem Lot bringen. Ein zu später oder ein mißglückter Abschied, der zur demütigen Rückkehr in die Familie führt, ist ebenso entwicklungsgefährdend wie der zu frühe Abschied, der den Jugendlichen alterstypischen Risiko-verhaltensweisen in besonderer Weise aussetzt. Die Entwicklungsaufgaben können also ebenso Entwicklungsanreize wie Auslöser für psychische Erkrankungen sein. Das wirft die alte Streitfrage auf: Ist denn jede Krise des Adoleszenzalters Ausdruck einer psychischen Vulnerabilität und weist somit auf ein erhöhtes Risiko für spätere psychische Erkrankungen hin? Oder aber sind Adoleszentenkrisen als physiologische Anpassungsproblematik zu verstehen, die kein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen in sich birgt?

Anpassungskrisen als Störungen

Anpassungskrisen als Störungen, die den Jugendlichen daran hindern, seine alterstypischen und situationsgemäßen Lebensvollzüge zu bewerkstelligen, müssen nach folgenden Gesichtspunkten analysiert werden: Welche besonderen Entwicklungskonflikte liegen vor? Welche Bewältigungsformen und Risikoverhaltensweisen werden angewendet? Welche psychopathologischen Symptome sind in die Anpassungskrise involviert? In welchem Erlebnisumfeld, in welchem sozialen Rahmen befindet sich der Jugendliche aktuell?

Unter dem Druck dieser Aufgaben und aktueller schicksalshafter Umfeldeinwirkungen kann der Jugendliche in ein Geflecht möglicher Risikoverhaltensweisen geraten. Das sind beispielsweise Alkohol- und Drogengebrauch oder -mißbrauch, Annäherung an und Eingliederung in eine delinquente Gruppe, eskalierende Interaktions-probleme mit Eltern oder Lehrern, Rückzug, Leistungsabfall oder Veränderungen des Lebensstils im Alltag mit Einschränkungen des Schlafens oder Veränderungen des Ernährungsverhaltens.

Erhöhte Irritabilität der Jugendlichen

Die Adoleszenz birgt also das Risiko einer erhöhten Irritabilität des Jugendlichen in sich, die zur krankheits-wertigen Ausformung oder Dekompensation von – auch genetisch präformierten – Vulnerabilitäten und Dispo-sitionen führen kann. Daraus ergeben sich Konsequenzen für den psychotherapeutischen Zugang zum Jugendlichen mit der Notwendigkeit, diesem unabhängig von einer möglichen psychiatrischen Erkrankung bei der Lösung seiner Entwicklungsaufgaben zu helfen.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer