Die Bedeutung von körperlicher Aktivität in der Prävention und bei der Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist umfassend untersucht und durch viele klinische Studien bestätigt. Auch bei der Behandlung von affektiven Erkrankungen, wie z.B. einer Depression, wird körperliche Aktivität in Form einer Sport- oder Bewegungstherapie neben pharmakotherapeutischen und psychotherapeutischen Behandlungsformen als Begleittherapie eingesetzt.

Dabei gilt diese Behandlungsform als kostengünstige und nebenwirkungsfreie Therapiemethode. Ihr großer Vorteil liegt darin, dass sie sich in vielfältiger Weise positiv auf die komplexe Pathophysiologie affektiver Krankheitsbilder auswirkt. Auch wenn Sport keinesfalls, wie z.B. bei Herz-Kreislaufrisikofaktoren, die anderen etablierten Therapieverfahren ersetzen kann (1), scheint es gerade bei komorbiden Patienten eine probate Begleittherapie zu sein, um sowohl der kardialen Grunderkrankung als auch den häufigen affektiven Begleitsymptomen nebenwirkungsfrei zu begegnen.

Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit
Abbau depressiver Symptome
Ausschüttung von Neurotransmittern
Störung der HPA
Sozialpsychologische Effekte
Inhalte sporttherapeutischer Maßnahmen
Moderates körperliches Training
Mit Krankheitsbildern befassen
Viele positive Aspekte
Literaturhinweise
Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit

Schon Hippokrates erkannte die Wirkung körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit: „If you are in a bad mood, go for a walk. If you are still in a bad mood, go for another walk.“ Heute hat sich eine Vielzahl an Studien dieses Themas angenommen und liefert teils vielversprechende Zusammenhänge. So sind ein aktiver Lebensstil und eine hohe körperliche Fitness vor allem im Alter mit einer niedrigeren Prävalenz depressiver Symptome und Erkrankungen verbunden. (2,3) Außerdem scheint ein ausgeprägtes Bewegungsverhalten im Kindesalter das Risiko, im Erwachsenenalter an einer Depression zu erkranken, zu reduzieren. (4)

Abbau depressiver Symptome

Mit Blick auf akute Effekte zeigt eine zunehmende Anzahl an Studien, dass Bewegung depressive Symptome abbaut (5) und das in einem vergleichbaren Maß wie die etablierten psychologischen und pharmakologischen Therapieformen. (1,6) Trotz der teilweise hohen Effektstärken, sind diese Ergebnisse noch mit Vorsicht zu genießen, da viele Studien erhebliche methodische Mängel aufweisen.

Ausschüttung von Neurotransmittern

Die komplexe Pathophysiologie depressiver Erkrankungen erschwert die Interpretation von möglichen psychoaktiven Effekten der Sport- und Bewegungstherapie. Auf Grundlage von tierexperimentellen Studien und von Humanstudien lassen sich allerdings einige für das Krankheitsbild relevante neuro-endokrinologische Veränderungen durch körperliche Aktivität feststellen. So kann es z.B. zur verstärkten Ausschüttung von Neurotransmittern (vornehmlich Noradrenalin und Serotonin) kommen, was einer Monoamindysfunktion bei depressiven Erkrankungen entgegenwirken kann. (8,9) Ebenso werden dem moderaten Ausdauertraining durch Aktivierung des Endocannabinoid-Systems stimmungsaufhellende Effekte zugesprochen. (10)

Störung der HPA

Hinsichtlich der Pathogenese spielt bei depressiven Erkrankungen häufig auch eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) eine Rolle. Untersuchungen von Blumentahl et al. (11) und Wittert et al. (12) zeigen, dass durch körperliches Training die Stressanfälligkeit der HPA-Achse stabilisiert werden konnte. Die gestörte HPA-Achse gilt als auslösende Ursache für eine Volumenabnahme im Hippocampus depressiver Patienten. Insbesondere der Wachstumsfaktor BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) scheint hier vermindert und kann sich so negativ auf die Neurogenese auswirken. Sport kann diese Gehirnmediatoren und somit auch die hippocampale Neurogenese günstig beeinflussen. (13,14)

Sozialpsychologische Effekte

Es wird außerdem vermutet, dass Sport die Aktivität bestimmter Hirnareale (präfrontaler Cortex), die für höhere kognitive Aufgaben und eine emotionale Informationsverarbeitung zuständig und bei depressiven Erkrankungen hyperaktiv sind (Transiente Hypofrontalitätstheorie), langfristig senkt. (6) Neben den neuroendokrinologischen Erklärungsansätzen müssen auch sozialpsychologische Effekte Beachtung finden. So wirkt sich körperliche Aktivität positiv auf die Selbstwirksamkeit und das globale Selbstwertgefühl aus (15), lenkt ab, steigert die soziale Interaktionsfähigkeit und kann dem sozialen Rückzug entgegenwirken.

Inhalte sporttherapeutischer Maßnahmen

In der Literatur wurden vornehmlich Auswirkungen ausdauerorientierter aerober Trainingsformen sowie Krafttrainingsprogramme untersucht. Hinsichtlich anderer Trainingsformen wie Beweglichkeitstraining, Koordinationstraining und komplexerer Bewegungs- und Spielformen ist die Studienlage sehr begrenzt. Dabei kann wahrscheinlich gerade durch solche Bewegungsformen, bei denen Kompetenzerleben, soziale Interaktion, die Distraktion negativer Kognitionen und Körperwahrnehmung stärker ausgeprägt sind, das Wirkungsspektrum körperlicher Aktivität über rein neuroendokrinologische Mechanismen erweitert werden.

Moderates körperliches Training

Hinsichtlich der optimalen Dosis körperlicher Aktivität bei Depression und anderen affektiven Erkrankungen gibt es noch keine Leitlinien, allerdings entsprechen die Empfehlungen einiger Autoren denen der allgemeinen Public-Health-Empfehlungen. So sollte an 3-5 Tagen in der Woche ein moderates körperliches Training erfolgen (ca. 20-30 min.), wobei die Intensität im Bereich von 60-80% der maximalen Herzfrequenz liegt. (16,17) Besonders wichtig ist dabei, dass depressive Probanden nicht überfordert werden, sondern Freude an der Bewegung verspüren und im Verlauf des Trainings auch eine Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit erfahren.

Mit Krankheitsbildern befassen

Die Tatsache, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig mit depressiven Symptomen und anderen Erkrankungen in Verbindung stehen und Depressivität prospektiv mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden ist, führt dazu, dass sich auch Ärzte unweigerlich mit diesen Krankheitsbildern auseinandersetzen müssen. Auch wenn die Behandlung affektiver Erkrankungen psychosomatisch-psychiatrischen Fachkräften überlassen werden sollte, ist das Wissen um die Zusammenhänge der beiden Krankheitsbilder von Bedeutung. Hier kann auch der behandelnde Arzt investigativ und präventiv tätig werden, um die Krankheitslast seiner Patienten zu senken. Dies kann im Endeffekt dem Therapieerfolg zuträglich sein, da eine Verbesserung der depressiven Symptomatik zum Abbau selbstschädigender Verhaltensmuster und zur Verbesserung der Patienten-Compliance führen kann. (18)

Viele positive Aspekte

Dabei scheint gerade die Bewegungstherapie eine probate Begleittherapie, die bei richtiger Durchführung fast nebenwirkungsfrei ist und sich neben günstigen Effekten auf die psychische Gesundheit zudem positiv auf das kardiale Gesundheitsrisiko auswirken kann und das frei von gesellschaftlichen Stigmatisierungen. So konnte in eigenen Untersuchungen gezeigt werden, dass ein bewegungsorientiertes Therapiekonzept, sich nicht nur günstig auf das psychische Wohlbefinden, sondern gleichfalls auf die Herzfrequenzvariabilität und verschiedene hämodynamische Parameter auswirkt. (19)

Literaturhinweise

coliquio GmbH und Valdoxan; 1.
Cooney GM et al. (2013) Cochrane Database Syst Rev; 2.
Lett HS et al. (2004) Psychosom Med.; 3.
Linde K et al. (2012) Zeitschrift für Gesundheitspsychologie; 4.
Zahl T et al. (2017) Am Ac Pediatrics; 5.
Mead GE et al. (2009) Cochrane Database Syst Rev; 6.
Schulz KH et al. (2012) Bundesgesundheitsblatt; 7.
Blumenthal JA et al. (2009) Ment Health Phys Act; 8.
Chaouloff F (1997) Med Sci Sports Exerc.; 9.
Dunn AL et al. (1996) Med Sci Sports Exerc.; 10.
Dietrich A. (2004). Br J Sports Med.; 11.
Blumenthal JA et al. (1991) Health Psychol.; 12.
Wittert GA et al. (1996) Med Sci Sports Exerc.; 13.
Praag H van (2009) Trends Neuroscience; 14.
Cotman CE et al. (2002) Trends Neuroscience; 15.
Wolf S et al. (2012) Psychotherapeut; 16.
Smith JA et al. (2009) JHUP; 17.
Stoll O et al. (2012) Springer Verlag; 18.
Rozanski A et al. (2005) J Am Coll Cardiol.; 19.
Wehland et al. (2017) Herzmedizin

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer