Die Übersetzung des Wortes „Burnout“ lautet: ausgebrannt. Aber was ist ausgebrannt? Ausgebrannt bedeutet, dass die Energie von uns gewichen ist.

Körperlich deutet dies darauf hin, dass es einen Mangel an Glucose gibt, einen Mangel an Eiweiß oder einen Mangel an Überträgersubstanzen. Dies konnte aber in vielen Fällen medizinisch nicht oder nur in geringsten Maßen belegt werden – jedenfalls, was die Laborbefunde betrifft.

Vielmehr konnte festgestellt werden, dass Burnout eine große Erschöpfung ist, die über längere Zeit den Betroffenen handlungsunfähig macht bzw. ihm das Gefühl von Gleichgültigkeit, Leere und Energielosigkeit vermittelt. Es ist also ein Zustand der Erschöpfung, der über ein normales Maß hinausgeht und keine Erholungsphasen mehr ermöglicht. Es ist auch ein Zustand geistiger Leere, es bestehen Probleme bei der Konzentration und Probleme des Antriebs.

Fließender Übergang zur Depression
Stresssyndrom
Überforderung des Nervensystems
Vielfalt von Einflüssen
Körperliche und geistige Überforderungen
Psychische Probleme nicht akzeptiert
Es gab keine psychisch Kranke
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse
Begriff „Seele“ annehmen
Reizüberflutung unserer Gegenwart
Sehr verschiedene Ursachen
Burnout ist keine Modeerscheinung
Psychopathologie der Psyche
Ursächliche Störung
Die Summe innerer und äußerer Stressoren
Fließender Übergang zur Depression

Ist ein Burnout unter Umständen auch eine Depression, wie wir sie in unserem alltäglichen Tun erleben? Dies muss abgeklärt werden.

Der Übergang von Erschöpfung zum Gefühl des Ausgebranntseins und zum Gefühl der Depression ist fließend. Er ist fließend wie auch die Depression, die zum Teil reaktivierter Natur sein kann oder, im Sinne der alten Terminologie, endogenen Ursprungs.

Nichtsdestotrotz ist der Begriff „Burnout“ ein Zustand, der noch nichts über eine Diagnose aussagt, jedenfalls nicht über eine psychiatrische oder psychosomatische.

Stresssyndrom

Per Definition kennen wir in der psychiatrischen Terminologie nämlich analog nur noch den Begriff der Depression, der Psychose und der Angststörung, die Erschöpfung initiieren.

Im Kontext dieser Diagnosen sind jederzeit Erschöpfungen möglich. Es fehlt jetzt aber eine vierte Gruppe, die nicht nur mit Erschöpfung, sondern auch mit dem Gefühl des Ausgebranntseins einhergeht. Es ist dies das Stresssyndrom: Es gibt uns nicht mehr die Möglichkeit, uns von Außen- oder Innenreizen abzugrenzen und damit einen natürlichen Erholungsprozess zu ermöglichen.

Überforderung des Nervensystems

Wenn wir also von einem Burnout-Syndrom sprechen, so ist in erster Linie ein Stresssyndrom zu nennen, das wiederum viele Ursachen hat. In erster Linie beinhaltet es die Problematik, dass wir uns wie genannt nicht abgrenzen können. Als Innenreize sind hormonell die Kortisolausschüttung und Adrenalinausschüttung zu nennen, als Außenreize sind es die Überschüttung durch Informationen, Geräusche und von Erleben, die nicht mehr verarbeitet werden können. Diese Vielfalt von Informationen und  von Außenreizen überfordert ab einem gewissen Stadium unser Nervensystem. Es schaltet sich sozusagen ab: Es verweigert wie ein hochkomplexer Rechner seinen Dienst, indem es keine Ergebnisse mehr aktiviert, jedenfalls nicht aus normativer Sicht.

Vielfalt von Einflüssen

Ein Burnout-Syndrom ist also keine Modeerkrankung, sondern die Summe einer Vielfalt von Einflüssen, die ab einem gewissen Grad zu Krankheitssymptomen führen: wie Depression, Paniksyndrom, Angststörung, Psychosen und Somatisierungen.

Man kann also feststellen, dass ein „Ausgebranntsein sein“ immer mit Stressoren und bedingt mit  Erkrankungen, die klinisch von Bedeutung sind, einhergeht.

Körperliche und geistige Überforderungen

Der Begriff Burnout wird natürlich benutzt, um in erster Linie Erschöpfungszustände zu bezeichnen. Dies ist nachvollziehbar, da uns Erschöpfung als Reaktion auf körperliche und geistige Überforderungen bekannt ist. Erschöpfung beinhaltet aber primär kein Ausgebranntsein: Erschöpfung steht lediglich in Verbindung zu der Tatsache, dass wir Erholungsphasen benötigen. Erschöpfung ist primär keine Krankheit, sofern sie nicht zur Neurasthenie und Psychastheinie nach ICD 10 gerechnet wird.

Man kann also beim Burnout-Syndrom grob unterscheiden zwischen erschöpfungsartigen Zuständen, die als Burnout-Syndrom bezeichnet werden, und Erkrankungen, die mit dem Gefühl des Ausgebranntseins im Prodromalstadium oder im Zustand einer Krankheit einhergehen.

Psychische Probleme nicht akzeptiert

Die Frage stellt sich aber primär, warum in der heutigen Zeit Menschen sozusagen „ausgebrannt sind“ und warum der Störungsbegriff als Krankheit kommuniziert wird? Dies liegt an unserer Sprachregelung, die Begriffe wie Erschöpfung, Ausgebranntsein und Schmerzen benutzt, da psychische Probleme im Allgemeinen gesellschaftlich nicht akzeptiert werden.

Der Kranke wird, sofern er erschöpft ist und körperliche Symptome zeigt, in unserer Gesellschaft respektiert. Man ist bereit, sich in ihn einzufühlen, man kann sich mit ihm identifizieren. Man kann ihm besondere Lösungsansätze anbieten, die logisch sind, weil die Ursachen nachvollziehbar sind. Jeder kann sich z. B. mit Stress identifizieren. Jeder kann sich auch mit der Tatsache anfreunden, dass Menschen ihn überlasten, dass er beruflich überfordert ist oder familiär von Konflikten überschwemmt wird.

Wenige können sich aber mit dem Gedanken anfreunden, dass Stress die Folge einer Summierung intrapsychischer und extrapsychischer Konflikte darstellt, die sich nicht mehr bewältigen lassen. Keiner mag sich mit der Tatsache konfrontieren, dass uns exogene Belastungen ab einem gewissen Maß genauso wie verinnerlichte  Konflikte krank machen.

Es gab keine psychisch Kranke

Der Begriff Krankheit war in der vorwiegend somatischen Medizin lange auf die Organe beschränkt. Um es überspitzt zu formulieren: Es gab über Jahrhunderte hinweg keine psychisch Kranke, sondern nur „Verrückte“.

War zunächst Krankheit im psychischen Rahmen den Geisteskrankheiten vorbehalten, hat sich in den vergangenen 100 Jahren doch einiges getan, sodass Fachbereiche wie die Psychotherapie in die Medizin Eingang gefunden haben. Hinzu kamen die Psychosomatische Medizin, die Verhaltenstherapie und die Neuropsychologie.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Gesellschaft hat sich Schritt für Schritt, bedingt durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Ärzten und Psychologen, der Erkenntnis genähert, dass seelische Störungen nichts mit Verrücktheit zu tun haben. Vielmehr betreffen sie uns alle, da wir Menschen sind, die seelische Probleme haben. Krank war früher der, der sie nicht lösen konnte. Krank war aber nicht auch der, der seelische Probleme hat, die kategorisch ausgedrückt, lösbar zu sein scheinen.

Unsere Gesellschaft näherte sich also der Seele in ganz kleinen Schritten. Dazu trug auch das Burnout-Syndrom bei, wenn es auch vorwiegend mit den Begriffen „Erschöpfung“ und „Stress“ einhergeht und weniger mit dem Begriff „seelische Überforderung“.

Begriff „Seele“ annehmen

Sportler begeben sich heute zu ihren Mentaltrainern, Berufstätige zu ihrem Coach, Prominente halten sich einen Personaltrainer, Menschen suchen sich Freunde, die alle das gleiche Ziel verfolgen: „Dass die Seele funktioniert.” Aber mit dem Wort „funktionieren“ wird ersichtlich, dass wir als Gesellschaft den Begriff „Seele“ immer noch nicht wirklich annehmen. Denn eine Seele funktioniert nicht.

Eine Seele ist ein hochkompliziertes System, das sich in einer ständigen Balance zwischen Affekt, Außenreizen, Erkenntnissen, Handlungsentscheidungen, Selbstakzeptanz und Akzeptanz durch das Umfeld befindet. Eine Seele ist kein Computer, sondern mehr. Sie ist die verinnerlichte Erfahrung aus Jahrzehnten unseres Lebens, eine verinnerlichte hochkomplexe Umwelt und die Fähigkeit, Innen- und Außenreize zu integrieren. Die Seele ist Selbstfürsorge und Wertschätzung durch das soziale Umfeld, sie ist die geistige Intaktheit und somatische Gesundheit. Sie ist ein hochkomplexes kybernetisches System eines Menschen in der Beziehung zu seiner Umwelt.

Reizüberflutung unserer Gegenwart

Unter diesem Aspekt betrachtet, stellt sich die Frage, ob „Ausgebranntsein“ nicht auch einhergeht mit der Reizüberflutung unserer Gegenwart: Hier wir der Stress geradezu gesucht, weil natürliche Anforderungen, Beziehungen, Zuneigung und Geborgenheit fehlen. Anders ausgedrückt: Der Mensch stürzt sich in Aktivismus. Dieser Aktivismus stürzt ihn in die Erschöpfung und in den Zustand des Ausgebranntseins. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der einzelne in unserem sozialen System häufig ausgebrannt oder erschöpft, krank und seelisch bedürftig ist oder ob das ganze System auf Grund einer massiven Überforderung durch Informationen nicht mehr zur Ruhe kommt. So wertvoll Informationen sind, sosehr sie auch zur Bildung beiträgt und uns in die Lage versetzt, die Welt und den Kosmos neu zu begreifen, so sehr überfordert sie uns: Weil wir nicht mehr die Kraft und die Ruhe haben, Informationen zu verarbeiten.

Sehr verschiedene Ursachen

Für einen Burnout kann es noch andere Ursachen geben: Die Mutter, die sich sehr über den Besuch ihrer Kinder und Kindeskinder freut und danach völlig erschöpft ist, weil sie sich zu viel an Freude und Vorbereitung zugemutet hat. Oder ein erfolgreicher Unternehmer, der von Erfolg zu Erfolg eilt und dann überfordert im Urlaub nur noch erschöpft ist, an nichts mehr Freude hat und sich ausgebrannt fühlt. Oder der junge Mann, der informativ alles durch Internet und Facebook erfährt – aber gleichzeitig zu keinem Gespräch mehr in der Lage ist, weil er nicht mehr zuhören kann. Oder grüblerisch Kranke, die nicht mehr abschalten können, weil ihre Probleme sie verfolgen und erschöpfen. Alle sind überfordert, weil Anforderungen von außen und innen sowie intrapsychische emotionale Bedürfnisse nicht mehr in Einklang zu bringen sind.

Burnout ist keine Modeerscheinung

Burnout ist also keine Modeerscheinung, sondern ein Ausdruck unserer Erschöpfung und unseres verzweifelten Bemühens, Begriffe zu finden, die den Begriff „Seele“ ausklammern und damit die Bereitschaft zur Selbstreflektion auf eine funktionelle Basis stellen. Insofern ist Burnout ein Krankheitsbild, das darauf basiert, dass wir Probleme verdrängen, sublimieren, abspalten und rationalisieren: Dass wir so tun als ob – nur um nicht von unseren seelischen Problemen und Bedürfnissen überflutet zu werden.

Das Burnout-Syndrom ist somit gewissermaßen – wie der Begriff „Syndrom“ aussagt – ein Symptomenkomlex, der eine Krankheit abwehrt, die dahinter aber lauert.

Psychopathologie der Psyche

Man muss in diesem Zusammenhang nicht unbedingt über die Psychopathologie der Psyche sprechen, sollte diese Aspekte aber berücksichtigen, indem die Angststörung, die affektiven Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen (davon an erster Stelle die narzisstischen) in den Vordergrund gerückt werden. Sie alle führen unter Umständen zu einem Burnout-Syndrom, strenggenommen sind sie aber gar kein Burnout-Syndrom.

Ein Symptom ist im Übrigen auch keine Krankheit. Sonst wäre jede vegetative Befindlichkeit, die wir kennen, psychopathologisch einzuordnen. Sie ist es aber nicht, weil der Körper und die Seele reagieren, wenn Überforderung, welcher Natur auch immer, auf uns einwirken. Seelische Erschöpfung, Verzweiflung, Angst sind keine Krankheit, solange sie zu unserem Leben gehören und bewältigt werden, weil wir Menschen dazu da sind, Probleme zu bewältigen.

Ursächliche Störung

Zum Burnout-Syndrom gehört, wenn man es als Krankheit bezeichnen möchte und den klinischen Rahmen als solchen betrachtet, eine ursächliche Störung, die einen intrapsychisch nicht bewältigten und traumatischen Konflikt beinhaltet genauso wie auch Dispositionen der Persönlichkeit, die keine Stressresistenz  ermöglichen (z. B. Psychasthenie).

Letztlich ist es aber nicht entscheidend, wie wir ein Burnout-Syndrom einstufen. Viel wichtiger ist, dass wir eine dahinterliegende Krankheitsproblematik eruieren und differenzieren können, ob Erschöpfung und Stress reaktiver Natur sind oder ob sie auf einem primären Intrapsychischen Konflikt oder einer intrapsychischen Krankheitsgeschehen basieren.

Dies ist nicht einfach, da wir dann differenzieren können, in wie weit das Syndrom auch vom Patienten benutzt wird, um Hilfe zu erlangen.

Es bedarf deshalb einer sehr ausführlichen und exakten Diagnostik. Dabei helfen immer eine gute biografische Anamnese und eine soziale Anamnese, die intra-  oder extrapersonelle Stressoren deutlich machen.

Die Summe innerer und äußerer Stressoren

Das Burnout-Syndrom beinhaltet abschließend betrachtet eine Summe innerer und äußerer Stressoren, die es einem Menschen unmöglich machen, seine stabile Ich-Struktur aufrechtzuerhalten. In der Folge treten psychische (z. B. Müdigkeit) und somatische (z. B. Schwindel) Symptome auf, die den Betreffenden handlungsunfähig machen (weder arbeits-, noch im Alltag leistungsfähig). Die kognitiven Fähigkeiten bleiben erhalten. Das Burnout-Syndrom aktiviert neurotische Mechanismen: So zeigt sich meist komorbid eine Depression, eine Angststörung, eine ausgeprägte psychosomatische Fixierung oder ein intrapsychischer Konflikt, die alle Krankheitswert haben.

Copyright:  Erich W. Burrer, Nervenarzt und Psychosomatiker, apl. Professor für Kybernetische Psychologie an der Universität VG Arad

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer