Dialog macht gesund – das Privatinum

Dialog macht gesund – das Privatinum

[Erich W. Burrer]

Hirnzellen haben eine große Fähigkeit. In ihnen entsteht auch die Fähigkeit zur Empathie und damit zum Dialog. Durch diese sog. Spiegelneuronen können wir innerlich miterleben, was andere tun und erleben: Wenn der Mitmensch z. B. hilflos ist, reagieren im zentralen Nervensystem von uns die gleichen Zellen wie bei ihm – als wären wir selbst in Not. Wir gehen in einen Dialog mit dem anderen.

Deshalb wissen z. B. schon Kinder bei einem kleineren hilflosen Kind sofort: Das will meine Hilfe. Sie müssen dafür keine langwierigen Überlegungen anstellen. Ganz ohne Intention vollziehen sie ihre Bereitschaft zu helfen, sie übersetzen diese in die Vorstellung eigenen Handelns. Und wenn das kleinere Kind strahlt, strahlen auch die älteren Kinder; das Gefühl des Erfolges scheint auf sie überzugehen. Dabei sind sog. Spiegelneuronen beteiligt.

Seit Ende der achtziger Jahre ist bekannt, dass es solche Neuronen gibt. Aber erst jetzt zeichnet sich ab, wie vielfältig das Gehirn das Erleben und die Emotionen eines anderen spiegeln kann. Einzelne Studien belegen das inzwischen auch für Angst und Wut, für Ekel und Traurigkeit. Sogar Schamgefühle oder das Empfinden, einsam und ungeliebt zu sein, übertragen sich offenbar und schaffen somit einen Dialog, von dem wir unbewusst zunächst nicht wissen oder manchmal wissen wollen.

Bestimmte Forscher glauben, daß auf den Spiegelneuronen die Bindung und der Dialog zwischen Menschen beruhe, die uns zu sozialen Wesen machen. Man spricht von „geteilten Netzwerken“, die ein sehr verzweigtes System im Gehirn bilden. [1] Diese Schaltkreise übertragen, was wir an anderen beobachten automatisch auf unser eigenes Handeln und Erleben.

„Spiegeln scheint ein Prinzip von Kommunikation zu sein“ [2]. „Unser Gehirn ist bei weitem nicht so isoliert, wie man einst dachte. Es erlebt Befindlichkeiten anderer Menschen dialogisch mit. Ohne Spiegelneuronen würden wir nur sehr schwer verstehen, was im Gegenüber abläuft.

Es war Zufall, dass diese Neuronen entdeckt wurden. Man untersuchte anhand von Schweinsaffen, wie diese ihr Handeln steuern [3]. Man ließ eine Elektrode ins Gehirn implantieren, um – schmerzlos für das Tier – eine einzige Zelle zu beobachten. Diese reagierte immer, wenn der Affe nach einem Gegenstand griff.

Plötzlich konnte man beobachten, wie das Messgerät reagierte, obwohl das Tier sich nicht bewegte. Später konnten man den Grund erkennen: Das Tier hatte einen Menschen beobachtet, der seine Hand ausstreckte. Das genügte offenbar, um Neuronen des Tieres, die für das Greifen verantwortlich sind, zu  aktivieren.

Die Erklärung war folgende: Im Gehirn dieser Affen findet eine Simulation dessen statt, was sie sehen. Sie verinnerlichen in Bruchteilen von Sekunden, was andere machen. Wahrnehmen von Abläufen und Reagieren bzw. Handeln sind bei ihnen sozusagen eins.

Vor ca. drei Jahren gelang der Nachweis, daß auch der Mensch solche Zellen hat, die das Verhalten anderer spiegeln. Beschrieben hatte man dies aber schon vor Jahren [8]. Das war ein wichtiger Impuls für eine Änderung im Denken über unser Gehirn und unsere Fähigkeit zur Beziehung.

Hirnforscher gehen davon aus, daß das Hirn zusammengefügt ist aus Modulen: auf der einen Seite der Input (hilfloses Kind sieht z. B. seine Mutter), auf der anderen Seite der Output (die Mutter streckt die Arme aus) – und dazwischen ein „Prozessor“, der berechnet, was als Nächstes zu tun ist.

Aus dieser Sicht ist jeder Handballer ein gewisses Wunder: Denn er kann schnell im Spiel agieren, ohne über Vorhaben und Pläne seiner Mitspieler nachzudenken.

Die Spiegelneuronen beweisen, daß es einen Dialog zwischen Personen gibt, die ohne Reflexion funktioniert.

Einen hochinteressanten Gedanken steuerten Neurowissenschaftler dazu bei. Sie sahen Neuronen, die die Grenzen zwischen Ich und Du sozusagen „auflösen“ [4].

Kritiker bemängelten lange, bei den Spiegelneuronen handle es sich mehr um Theorien, als um Wissenschaft, die nachweisbar ist.

Heute haben sich die Zweifel aber gelegt. Auch Kritiker respektieren, dass es an der Existenz von Spiegelneuronen keinen Zweifel gibt. Diskutiert wird nur weiter, was diese genau tun und welche Bedeutung sie haben [5].

Man sieht heute im „sozialen Spiegeln“ die Antwort zu der Frage: Wie kann der Mensch seine Handlungen und Gefühle reflektieren, als stehe er neben sich und beobachte sich selbst? Wie kam der Homo sapiens zum Bewusstsein seiner selbst? Die Antwort heißt: Wir erreichten diese Fähigkeit im Laufe der Entstehungsgeschichte des Menschen über die Beobachtung anderer [5], d. h. über einen unbewussten und später bewussten Dialog.

Schon der Mensch vor huntertausenden von Jahren war wahrscheinlich in der Lage, die Absichten anderer Hominiden in einem unbewussten Dialog zu erfassen, d. h. sich in sie hineinzufühlen oder zu -denken. Irgendwann ist es ihm gelungen, diese Kompetenzen auch auf sein Unterbewusstsein zu übertragen. Er drehte den Spiegel quasi um, er versetzte sich in sich selbst. Er wurde sich seiner selbst bewusst. Es zeigten sich Beobachtungen, Bilder, Konstrukte, Gefühle und Intentionen, die er bei sich, wie beim Mitmenschen wahrnehmen konnte.

Das Gehirn ist primär nicht für eine „Innenschau“ geschaffen [4]. Es ist eher dafür da, die Welt zu erfassen und den Körper zu steuern. Die Natur hat im Grunde genommen keinen Anlass, ein Gehirn der Introspektion hervorzubringen. Daß wir über uns nachdenken, ist das Ergebnis unserer dialogischen Entwicklung und sozialen Anpassung [4].

Noch fehlt es an Untersuchungen, die diese Theorien beweisen [2]. Man ist sich aber heute schon sicher, dass sich Empathie und die sich aus ihr resultierende Dialogfähigkeit nicht von alleine entwickelt, wie man früher dachte: Wir sind nämlich nicht mit allen Menschen gleich gut verbunden, also sehr von deren Bereitschaft zum Miteinander abhängig, wie die Psychoanalyse aufzeigte [9]. Auch lässt sich die Fähigkeit zum Dialog und zum Mitgefühl  unterdrücken und eliminieren, wenn destruktive oder aggressive Impulse zu stark werden.

Sicher steht das Spiegeln unserer Gehirnzellen am Anfang einer Sequenz von Entscheidungen. Ob uns der Schmerz eines Mitmenschen berührt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar – schon  garnicht, ob unsere Empathie sich auch in aktive Hilfe umsetzt -. Andere Hirnbereiche helfen anscheinend in diesem Augenblick, Affekte und Emotionen in Aktivität umzusetzen.

Mit diesem höheren Zusammenspiel beschäftigten sich Hirnforscher [1]. Erste Versuche zeigten, wie Empathie zu beeinflussen ist.

Man ließ z. B. dafür Probanden gemeinsam einen Tag lang in einer Meditationstechnik unterrichten [6]. Sie sollten beispielsweise an geliebte Personen denken und schrittweise aufsteigende gute Gefühle mental auch anderen zukommen lassen. Es ging darum, ein gemeinsames Wohlfühlen zu kultivieren. Der Kurs genügte, um die Empathie der Teilnehmer zu verbessern: In einem extra entwickelten Computerspiel zeigten sie viel mehr Hilfsbereitschaft (und damit Dialogbereitschaft) als nicht Trainierte gegenüber Teilnehmern im Spiel.

In einer Folgestudie wollte man wissen, ob sich der Effekt auch im Gehirn nachweisen lässt [6]. Man untersuchte Probanden im MRT (Kernspintomograph). Gleichzeitig sahen diese kurze Bildsequenzen aus Nachrichten und Filmen: Es waren sehr behinderte Kinder, die sich verletzt hatten; eine weinende Frau nach der Überschwemmung ihres Ortes  und andere Bilder des Grauens.

Im zentralen Nervensystem der untersuchten Teilnehmer war eine große  Abweichung zu sehen. Bei ihnen wurden auch Hirnbereiche, aktiviert, die angenehme Emotionen aktivieren, z. B. wenn man eine  süße Schokolade isst oder an liebe Menschen denkt.

Diese Teilnehmer beurteilten hinterher ihr emotionales Erleben stabiler bzw. stimmiger als eine Kontrollgruppe. Dieses Training hat sie offenbar stabilisiert. Sie ließen sich nicht so leicht wie die Kontrollgruppe entmutigen.

 

l——–> Empathie ———–> Dialog———-> Bewusstsein————V
|                                                                                                                                     |
^<———Dialog <———-Resilienz <—–Selbstbewusstsein <——-I

 Abbildung: Empathiezyklus

Solche Menschen seien leichter bereit, zu helfen, glaubt man heute [1][6]. Wer ohne Vorbereitung großes Leid erlebe, werde eher „flüchten“ oder das Leid anderer Menschen verdrängen. Wer also „flüchtet, anstatt mitzufühlen“, wird langfristig geschwächt.

Inzwischen will man überprüfen, wie sich Mitgefühl langfristig fördern lässt. Dazu laufen Studien ab. Freiwillige werden z. B. elf Monate lang von Psychotherapeuten trainiert. Sie sollen lernen, Empathie zu kultivieren und auch mit belastenden Gefühlen konstruktiv umzugehen. Dabei werden sie in Abständen  befragt und in einem MRT untersucht.

Einige Untersuchungen zeigten bereits, dass die Methode wirkt. Eine Forschergruppe [7] etwa ließ eine zufällige Auswahl von Schülern ein Empathietraining mitmachen. Deren Entwicklung wurde mit gleichartigen anderen Schülern ohne Training verglichen.

Das Resultat war deutlich: Die trainierten Kinder zeigten sich weniger aggressiv. Sie waren eher bereit, in einen Dialog zu treten. Warum das so ist, weiss man aber noch nicht.

Man weiß inzwischen, daß Empathie von PatientInnen für andere Menschen ihres sozialen Umfeldes in einer psychosomatischen, psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlung ihre seelischen Widerstandskräfte stärken. Mitgefühl ermöglicht nämlich Beziehung und damit die Fähigkeit zur Interaktion. Über beide Prozesse gelingt Dialog, der des Weiteren in erheblichen Masse zur Stärkung des Selbstwertgefühles beiträgt.

Empathie füreinander mit und ohne Dialog sollte aber nicht als Mitleid missverstanden werden. Dieses labilisiert eher die Ichstruktur eines Menschen und schwächt die Resilienz. Denn wer mitleidet, leidet. Er kann sich schlecht abgrenzen und damit sich und anderen nicht mehr ausreichend helfen, wenn diese z. B. in Not sind.

Zusammenfassung

Empathie ermöglicht Dialog und umgekehrt. Beide ermöglichten in der Evolution des Menschen Bewusstsein seiner selbst, damit schließlich das, was wir heute mit dem Gefühl von Identität  und von Selbstbewusstsein verknüpfen.

Empathie und  Dialog sind damit sehr wichtige Bausteine in einer erfolgreichen Medizin. Sie aktivieren Resilienz [10]. Diese wirkt sich positiv auf das Immunsystem und die Psyche [11] aus. Sie trägt ganzheitlich d. h. sowohl körperlich als auch seelisch zur Gesundheit bei [12].

Literatur
  • (1) Singer, Tanja; Ricard, Matthieu: Mitgefühl in der Wirtschaft: Ein bahnbrechender Forschungsbericht
  • (2) Keysers, Christian, 2011 The Empathic Brain. How the Discovery of Mirror Neurons Changes Our Understanding of Human Nature, Lexington, Ky. Social Brain Press, 246 S. ISBN 978-1-4637-6906-2. Deutsch: Unser empathisches Gehirn: Warum wir verstehen, was andere fühlen, übersetzt von Hainer Kober, München Bertelsmann 2013, 320 S. ISBN 978-3-570-00954-3
  • (3)Rizzolatti Giacomo, Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegel-neurone: Die biologische Basis des Mit-gefühls, Suhrkamp, 2008, ISBN 978-3-518-26011-1.
  • (4) Ramachandran, Vilayanur; 2002, Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins. 3. Auflage. Rowohlt Tb., ISBN 978-3-499-61381-4 (amerikanisches Englisch: Phantoms in the Brain: Probing the Mysteries of the Human Mind.).
  • (5) Prinz, Wolfgang 2004: Abhandlung Kritik des freien Willens (; PDF; 298 kB) Text gemäß der Original-publikation in: Psychologische Rundschau, 55(4), S. 198–206
  • (6) Klimecki, Olga, Leiberg, Susanne, Ricard, Matthieu, Singer, Tania (2013) Differential Pattern of Functional Brain Plasticity after Compassion and Empathy Training. SCAN .
  • (7) Gordon, Mary, 2005: Roots of Empathy: Changing the World Child by Child, ISBN: 9781615190072
  • (8) Iacoboni, M., 2011: Woher wir wissen, was andere denken und  fühlen: Spiegelneuronen
  • (9) Kohut, Heinz; Psyche 25 (11), 831-855, 1971 Introspektion, Empathie und Psychoanalyse: Zur Beziehung zwischen Beobachtungsmethode und Theorie
  • (10) Holtz, Karl Ludwig, 2006; PiD-Psychotherapie im Dialog 7 (01), 89-93, , Was Kinder alles können: Kompetenz-, Resilienz-und Salutogeneseforschung
  • [11] Wunsch Albert 2018; Mit mehr Selbst zum stabilen ICH: Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung Springer-Verlag,
  • [12] Borcsa, Maria; Stein, Barba, 2013, Psychotherapie im Dialog – Resilienz und Ressourcen, Georg Thieme Verlag

 

Weitere Literatur

  • Tomasello, Michael, 2008; Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Suhrkamp Verlag
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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer