Im Mittelpunkt einer kraniomandibulären Störung stehen Schmerzen im Kiefer-, Gesichts- und Nackenbereich, die als dumpf erlebt werden und diffus ausstrahlen können. Kraniomandibuläre Dysfunktionen sind die häufigste Form des Kiefergesichtsschmerzes.

Kraniomandibuläre Dysfunktion (temporomandibuläre Schmerzen)
Chronische Myoarthropathie des Kausystems
Meist einseitige Schmerzen
Stress ein zentraler Auslöser
Kraniomandibuläre Dysfunktion (temporomandibuläre Schmerzen)

Die Bezeichnung „craniomandibuläres Dysfunktionssyndrom“ hat sich international durchgesetzt. Frühere Bezeichnungen waren: temporomandibuläres Schmerzsyndrom, myofaziales Schmerzsyndrom, Myoarthropathie des Kausystems, funktionelle Kiefergelenksbeschwerden. Das Beschwerdebild der kraniomandibulären Dysfunktion im Bereich der Zahnmedizin ist im HNO-Bereich auch als orofaziales Schmerz-Dysfunktions-Syndrom oder als atypischer Gesichtsschmerz bekannt, beruht dort aber auf anderen Ursachen, wenngleich dieselben Begriffe wie im Bereich der Zahnmedizin verwendet werden.

Chronische Myoarthropathie des Kausystems

Es handelt sich um eine chronische Myoarthropathie des Kausystems: Eine Störung, die ihren Ursprung in einer verspannten Kaumuskulatur (Myopathie), seltener in den Kiefergelenken (Arthropathie) oder in beiden (Myoarthropathie) hat.

Die Störung umfasst mindestens drei der folgenden Symptome: Gelenkgeräusche bei Kieferbewegung, limitierte oder ruckartige Kieferbewegung, Schmerz bei der Kieferfunktion, Kiefersperre beim Öffnen, Zusammenpressen der Zähne, Bruxismus oder andere orale Parafunktionen (Zungen-, Lippen- oder Wangenbeißen oder -pressen). Es bestehen andauernde Schmerzen im Bereich der Kau- und Gesichtsmuskulatur (Mund, Zähne, Kiefergelenke) und der umliegenden Gesichtspartien (Kaumuskulatur, Schläfenmuskulatur, Augenbereich), die bis in die seitlichen Nackenregionen und in den Kopfbereich ausstrahlen.

Meist einseitige Schmerzen

Die Schmerzen sind meist einseitig, mit Ausstrahlung in Ober- und Unterkiefer, Augenhöhle, Zähne, Stirn, Schläfe, Halsregion und Schulter. Nicht selten findet man Muskelverspannungen und Druckpunkte bei den beidseitigen Kaumuskeln, Knacken im Kiefergelenk und Beeinträchtigungen der Unterkiefer-Beweglichkeit. Daneben bestehen oft noch folgende Symptome: schwindlige Benommenheit, Parästhesien, depressive Verstimmung, Ängste, Bruxismus (insbesondere nächtliches Zähneknirschen), Muskelkrämpfe bis in die Wirbelsäule und die Schulter-Arm-Region.

Diese Schmerzen sind keine blitzartig einschießende, einseitig auftretende Trigeminusneuralgie, sondern beständige oder zumindest wellenförmig anhaltende und oft beidseitig auftretende Schmerzen im ganzen Gesicht, auch außerhalb des Versorgungsbereichs des Trigeminusnervs. Temporomandibuläre Schmerzen entsprechen anatomisch nicht dem Ausbreitungsgebiet des Nervus trigeminus. Manchmal können die Schmerzen jedoch den Beginn einer multilokulären Schmerzsymptomatik darstellen (z.B. bei einer Fibromyalgie).

Stress ein zentraler Auslöser

Stress und verschiedene emotionale Spannungszustände (chronische Ängste, starke innere Aggressionen u.a.) in Verbindung mit anderen Faktoren sind zentrale Auslöser der physiologisch unnötigen Hyperaktivität des Kausystems und der damit einhergehenden chronischen Verspannung der Kaumuskulatur.

Die Komorbidität mit verschiedenen psychischen Störungen (vor allem Depression) ist hoch. Die Symptomatik kann in ihrem Ausmaß schwanken; sie kann phasenweise auch ohne Behandlung verschwinden und dann wieder erneut auftreten.

Gegenüber dem Konzept der schmerzhaft verspannten Kiefermuskulatur werden in neuerer Zeit immer stärker die synaptischen Veränderungen bei der zentralen Schmerzverarbeitung und die neuroplastischen Vorgänge bei der Schmerzchronifizierung als entscheidende Wirkfaktoren betont (z.B. die Bedeutsamkeit des Schmerzgedächtnisses)

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer