Impulskontrollstörungen

Impulskontrollstörung bezeichnet die Eigenschaft, impulsiv (d.h. ohne Rücksicht auf Konsequenzen) zu handeln; Impulskontrollstörungen äußern sich daher in der (zumindest zeitweisen) Unfähigkeit, Handlungen (Handlung) vorauszuplanen und ihre Folgen abzuschätzen (Handlungsplanung). Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 wird charakterisiert als „Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, impulsiv zu handeln ohne Berücksichtigung von Konsequenzen, und mit wechselnder, instabiler Stimmung“.

Die Fähigkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers (Ärger) können zu oft gewalttätigem und explosiblem Verhalten führen; dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn von anderen impulsive Handlungen kritisiert oder behindert werden. Bei der Unterform des impulsiven Typs sind die wesentlichen Charakterzüge „emotionale Instabilität“.

Beim Borderline-Typ (Borderline-Störung) kommen weitere Symptome hinzu, so z. B. Unklarheit bzgl. des eigenen Selbstbilds (Selbstbild), der Ziele und der inneren Präferenzen. (Siehe auch Verhaltenssucht)

Impulskontrollstörungen werden mit einer Dysfunktion im serotonergen System (Serotonin, serotonerges System) in Verbindung gebracht (wahrscheinlich eher mit einer Minderaktivität oder ungenügender Ansprechbarkeit von Rezeptoren). Tatsächlich zeigen sich nach Gabe von spezifisch auf den Serotoninhaushalt wirkender Antidepressiva (d.h. SSRI) zuweilen Besserungen; auch Neuroleptika dürften zumindest in Einzelfällen bei Impulskontrollstörungen wirksam sein.

Kaufsucht ist eine Impulskontrollstörung, die sich in starken gedanklichen Beschäftigungen mit Kaufhandlungen und wiederholten exzessiven Käufen ausdrückt. Der Kaufimpuls wird als unwiderstehlich und sinnlos wahrgenommen, die gekauften Güter werden meist nicht konsumiert oder verwendet. Zudem verursacht der Drang zum Kauf erhebliches Leiden und kann finanzielle Beeinträchtigungen zur Folge haben.

Kaufsucht wird in klinischen Klassifikationssystemen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV), International Classification of Diseases (ICD)) nicht als eigenständige Störung betrachtet, kann als nicht näher bezeichnete Störung der Impulskontrolle klassifiziert werden und ist vom Verhalten in Kaufsucht-Phasen (Manie) abzugrenzen. Basierend auf Fragebögen zur Kaufsucht schätzen Studien, dass zwischen 2% und 8% der Bevölkerung kaufsuchtgefährdet sind, Frauen könnten hiervon stärker betroffen sein.

Das relativ neue Konzept der Verhaltenssucht beschreibt verschiedene Verhaltensweisen, die exzessiv betrieben zu diversen psychosozialen Problemen führen können und phänomenologisch an substanzbezogene Suchterkrankungen (Sucht) erinnern. Inhärent belohnende Alltagsroutinen wie Arbeiten, Kaufen, Essen, Sammeln, Sexualität oder Sport, aber auch andere, grundsätzlich als angenehm empfundene Tätigkeiten wie die Teilnahme am Glücksspiel (Glücksspielsucht) oder bestimmte Internetaktivitäten (Gamen, Chatten, Surfen) (Computerspielsucht) werden von den Betroffenen trotz auftretender Folgeschäden wiederkehrend und mitunter in eskalierender Weise ausgeführt.

Im Zentrum steht dabei der unwiderstehliche, aus subjektiver Sicht kaum mehr zu kontrollierende Drang zur Umsetzung des jeweiligen Verhaltens. Daneben treten weitere Symptome auf, die größtenteils die Kernkriterien einer klassischen substanzbezogenen Suchtstörung repräsentieren (z. B. Vereinnahmung, Toleranzentwicklung, entzugsähnliche Erscheinungen (Entzugserscheinungen), Abstinenzunfähigkeit bzw. hohe Rückfallgefährdung (Grüsser & Thalemann 2006; Mann 2014).

Befürworter des Modells der Verhaltenssucht gehen davon aus, dass es für das menschliche Gehirn in letzter Instanz unerheblich ist, wie bzw. womit es verstärkt (Verstärkung) wird, da es grundsätzlich nicht zwischen einer direkten Stimulation durch psychotrope Substanzen und einer indirekten Stimulation bei repetitiver Ausführung bestimmter belohnend wirkender Verhaltensweisen unterscheidet. Neurowissenschaftliche Studien unterstützen diese Sichtweise weitgehend, da bestimmte Tätigkeiten mit körpereigenen biochemischen Veränderungen im Gehirn einhergehen, die den Effekten beim Suchtmittelkonsum durchaus ähneln.

Kritiker des Konstrukts der Verhaltenssucht machen hingegen vornehmlich auf die vorschnelle, an sich unzulässige und daher verzerrende Übertragung von Begriffen eines originär organischen Krankheitsmodells (mit dem Fokus: körperliche Prozesse; Krankheitsmodelle) auf exzessive Verhaltensmuster (mit dem Fokus: psychische Prozesse) aufmerksam. Zudem ist zu beachten, dass nicht jeder Verhaltensexzess auch die Hauptkriterien einer Suchterkrankung erfüllt, sondern mitunter sogar im Gegenteil mit lustvollen, positiven Wirkungen etwa im Sinne eines leidenschaftlichen Interesses assoziiert ist (vgl. z. B. mit einem Künstler, der wochenlang quasi ohne Unterbrechungen an seinem Werk arbeitet). Schließlich implizieren vorschnelle nosologische Schlussfolgerungen die Gefahr einer inflationären und letztlich verwässernden Verwendung des Suchtbegriffs sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltagsjargon.

Integrative Perspektiven schlagen derweil ein einzelfallanalytisches Vorgehen vor, welches eine Zuordnung der betroffenen Personen in Abhängigkeit der jeweiligen Charakteristik in das Modell der Verhaltenssucht oder in alternative Erklärungsmodelle zulässt (hier vor allem die Zwangsspektrumsstörung (Zwangsstörungen) und die Impulskontrollstörung (Impulskontrolle, Impulskontrollstörung); Mann 2014).

Unabhängig von dieser grundsätzlichen Kontroverse besteht in der Fachliteratur inzwischen ein breiter Konsens darüber, dass die exzessive Beteiligung am Glücksspiel den Prototyp einer Verhaltenssucht darstellt und in diesem Kontext eine Vorreiterrolle einnimmt (Glücksspielsucht). Als zweiter Kandidat wird zunehmend exzessive Computer- bzw. Internetnutzung diskutiert, die unter dem Label Internet Gaming Disorder (Computerspielsucht) als Forschungsdiagnose Eingang in das aktuelle Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-5, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV)) gefunden hat. Bei allen anderen Störungsbildern erweist sich die Befundlage zum jetzigen Zeitpunkt jedoch als defizitär bzw. inkonsistent, was einer kohärenten Klassifikation entgegensteht.

Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer

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