In einer Zeit, in der Aufmerksamkeitsstörungen extrem häufig anzutreffen sind oder Grübeln und Tagträumen zu der Unfähigkeit führen, sich selbst und andere angemessen wahrzunehmen, muss das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz AD(H)S, anders definiert werden. Denn galt die Störung der Aufmerksamkeitssteuerung ursprünglich als ein Krankheitsbild, von dem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen war, so zeigt sich jetzt: Entweder sind wir „alle krank“ oder aber wir werden die Ursachen der Aufmerksamkeitsstörungen neu verstehen müssen.

Tatsächlich ist die Unfähigkeit zu kontinuierlicher Aufmerksamkeit, die das Leitkriterium für Aufmerksamkeitsstörungen darstellt, eine Zeiterscheinung. Ob Autofahrer Unfälle riskieren, weil sie nebenbei das Navigationsgerät betätigen oder ob Eltern ihren Kindern nicht zuhören, weil sie nebenbei mit Freunden über SMS kommunizieren – das Phänomen ist überall zu beobachten. Unter diesem Gesichtspunkt stellt dass Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom sich anders dar. Und zeigt Züge, die den Begriff Krankheit zur Diskussion stellen.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer