Edukative Therapie

Ein Bereich der Psychoedukation im Pentainstitut Bad Dürrheim
(Erich W. Burrer)

1. Definition

Der Begriff Psychoedukation stammt aus dem Amerikanischen und setzt sich aus den beiden Begriffen „psychotherapy“ und „education“ zusammen. Der englische Begriff „psychotherapy“ wird dabei wörtlich in die deutsche Sprache übernommen, das Wort „education“ wird in diesem Zusammenhang nicht mit „Erziehung“ übersetzt, sondern umfasst Aufklärung, Wissensvermittlung und Bildung.

2. Information

Unter Psychoedukation werden systematische didaktisch-psychotherapeutische Interventionen zusammengefasst, die dazu dienen, Patienten über Krankheiten und ihre Behandlung zu informieren (Induktion (4), Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Krankheit zu fördern und Patienten bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen. Insgesamt soll Hilfe zur Selbsthilfe angeboten werden. (Bäuml J. u.a. 2016).

Die Prinzipien der Psychoedukation werden von uns auch auf andere Erkrankungen mit leichten Veränderungen angewandt.

Der Begriff Psychoedukation tauchte erstmals in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Ziel der Intervention war eine umfassende Aufklärung der Patienten und ihrer Familien über die Erkrankung mit dem Ziel, die Rückfallquote zu senken und dadurch eine Verbesserung des Krankheitsverlaufes zu erreichen. In Deutschland fanden sich zu dieser Zeit nur in einzelnen psychiatrischen Einrichtungen sogenannte „informationszentrierte“ Gruppen.

Professionell geführte Gruppen zur Anleitung von Patienten und Angehörigen entwickelten sich Ende des letzten Jahrhunderts. Die „Deutsche Gesellschaft für Psychoedukation“ wurde am 14. November 2006 unter der Leitung von Privatdoz.  Dr. Josef Bäuml gegründet. Ziel dieser Gesellschaft ist die Förderung und Verbreitung der Psychoedukation im deutschsprachigen Raum. Die Gesellschaft führt jedes Jahr einen Kongress zur Psychoedukation an verschiedenen Orten Deutschlands durch. Im Mittelpunkt stehen nach wie vor psychische Erkrankungen und die sich aus diesen ergebende  Rückschlüsse auf soziale und  psychosoziale Prozesse.  In Deutschland wird Psychoedukation vor allem von Institutionen wie Kliniken durchgeführt, da niedergelassenen Ärzten noch zu wenige Ressourcen für diese Form der Intervention zur Verfügung stehen.

Hauptanliegen der Psychoedukation in der von uns durchgeführten themenzentrierten Großgruppe von bis zu 40 Teilnehmern ist die Erweiterung des Krankheitswissens und der psychosozialen Ursachen oder Auslöser von Erkrankungen.  Die oben genannte Definition der Psychoedukation bezieht sich auf psychische Erkrankungen. Die Prinzipien der Psychoedukation werden von uns auch auf andere Erkrankungen mit leichten Veränderungen angewandt. So gehört die Schulung von Diabetikern, Schmerzpatienten u.a., zum Umgang mit ihrer Krankheit zur Psychoedukation, denn auch hier gelten genannte Ziele.

3. Ziele

Ziele der Edukativen Therapie

  • Verkürzung der Krankheitsdauer
  • Linderung der Symptome
  • Verminderung der Rückfallhäufigkeit
  • Eine möglichst umfassende Information der Zuhörer über psychische Störungen, deren Verlauf, Ursache sowie deren Bewältigungs-möglichkeiten aus sozialer Sicht
  • Förderung der Compliance (kooperatives Verhalten im sozialen Umfeld)
  • Förderung der Zusammenarbeit des erkrankten Menschen mit einem Arzt oder einem Psychotherapeuten
  • Emotionale Entlastung des Teilnehmers
  • Förderung der Zuversicht und Kompetenz des Menschen, seine Probleme bewältigen zu können
  • Förderung der Sicherheit im Umgang mit dem „Handicap“ Erkrankung

4. Indikationen

Alle Personen mit Erkrankungen oder Problemen allgemeiner Art sind gleichermaßen für Edukationsmaßnahmen geeignet.

Verfahren

In den einschlägigen Fachgesellschaften wird die Frage, ob Psychoedukation eine eigenständige Therapieform ist oder ein Untergebiet der Psychotherapie darstellt, kontrovers diskutiert. Wir führen sie informativ durch, indem Interaktionen zwischen Referent und Zuhörer hergestellt werden, die rekursiv im Sinne einer Selbststeuerung und damit Heilung wirken.

Psychoedukation erhalten Patienten z. B. mit Depressionen, Angststörungen, psychotischen Episoden-, Ess- und Persönlichkeitsstörungen. Familienangehörige SozialarbeiterInnen, ÄrztInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen können auch an unsere  Vorträgen teilnehmen.

Wesentliches Ziel ist, Menschen ein besseres Verständnis von Erkrankung zu vermitteln. Dieses vertiefte Verständnis lässt auch u. U, die notwendige Information oder Therapiemaßnahmen effektiver und wirkungsvoller werden.

Durch die Information wird ein besseres Verständnis der zu Grunde liegenden Verhaltens-probleme erreicht, auch innerhalb der Familie des Patienten, was wiederum zu einer schnelleren Heilung führt. Durch klinisch gewonnene Offenheit können Patienten eher mit Angehörigen Rückfälle vermeiden und ihre Lebensqualität sehr verbessern.

Im Sinne der Definition von Edukation und Psychoedukation werden verschiedene Techniken und Verfahren aus fast allen Bereichen der Medizin und Psychotherapie angewandt. Bei unseren informativen Themen geht es um Krankheiten und um allgemeine Bewältigungsmöglichkeiten psychosozialer Konflikte. Dabei wird sehr auf ein Gleichgewicht der objektiven Sicht des Vortragenden und der subjektiver Sicht des Zuhörers oder Teilnehmers einer Gruppe geachtet (systemisches Prinzip).

Inhalte der psychoedukativen Vorträge sind soziologische, psychologische und somatische  Themen, die deduktiv (4) auf Probleme der Zuhörer oder erkrankter Menschen hinführen, zum Teil aber induktiv (4) auf allgemeinen Störungen menschlichen Seins hinweisen. Sie haben nichts mit theoretischen Vorträgen zu tun. Z. B.. war das *Thema am 4.4. 2018: „Zu sterben ist nicht schlimm, das Leben nicht gelebt zu haben schon“. Der Themenbereich wurde natürlich auf Menschen und deren Störungen bezogen, nicht auf theoretische Themen oder Weiterbildung.

Diese Psychoedukationsmaßnahme wird themenzentriert durchgeführt. In der Regel werden allgemein verständliche Feststellungen über menschliche Probleme als Thema verwandt, die sich bei bestimmten Menschen als Krankheit oder psychische Störung widerspiegeln. Assoziative Gedanken und Gefühle  der Zuhörer werden induktiv (4), vertieft. Informative Einzelgespräche oder Diskussionen in einer Gruppe erfolgen zum Teil nach der Großgruppe mit Diskussionen. Persönliche Fragen des Zuhörer werden allgemein und im systemischen / kybernetischen Sinne beantwortet, d. h. nicht auf den Zuhörer persönlich bezogen, um Diskretion zu bewahren.

5. Zusammenfassung

Inhalte der Edukativen Therapie und der Psychoedukation

  • Aufklärung über Symptome und Verlauf von Fehlentwicklungen
  • Aufklärung über Probleme, die mit d. Ursachen einer Erkrankung einhergehen = Massive Begrenzung in der frühen und späteren Kindheit.
  • Aufklärung über Lösungsmöglichkeiten aus erkenntnistheoretischer/systemischer Sicht. **Lösung = Fähigkeit, emotional und nicht nur rational zu leben
  • Warnzeichenerkennung für intrapsychisch geprägte Konflikteskalationen, B. Rückzug aus Bereichen, die Freude machen – in denen man “lebte“.
  • Erläuterung von Krisenintervention bei eintretenden Konflikten. ** B. geht jemand Streit aus dem Weg. Lösung: „Streitkultur wird Lebenskultur“.
  • Erläuterung des Umgangs mit psychischen Störungen, d. h., d. h. Einblick in gesellschaftliche Probleme u. ihre Einflussnahme  auf psychische Erkrankungen oder intrapsychische Konflikte. Beispiel: Schädliche soziale Einflussnahme führt zu Überanpassung und partiellen Selbstverlust. Er bedeutet, „nicht richtig zu Leben“.
  • Erklärung von Krankheitsinhalten, Symptomen und Ursachen
  • Erklärung der Zusammenhänge von Sozialverhalten, Ich- und Selbststruktur. Bei-spiel: wie kann man das Leben leben, ohne sich aufzugeben, wie kann man sich abgrenzen ohne unsozial zu werden etc.
  • Vorschläge für  intra- und extrapsychische Stressbewältigung, B. Stress, der  die Freude am Leben einschränkt oder verhindert.
  • Sinn medikamentöser Therapien (Depression führt vielleicht zum „Verzicht auf Leben“, medikamentöse Behandlung zur „Vitalität“).
  • Kooperationsmöglichkeiten des Patienten in der klinischen Behandlung, B. Teilnahme an belebenden kreativen Maßnahmen wie Malen. Tonen, Musik und Bewegung.
  • Erläuterung  von Möglichkeiten, wie man das Wiederauftreten psychischer und sozialer Konflikte vermeiden kann. Z. B. führt Selbstfürsorge und Psychohygiene zur Stressresistenz und damit zur Verminderung von Konflikteskalationen.

7. Literatur

  • Behrendt B, Schaub A: Handbuch Psychoedukation und Selbstmanagement: Verhaltenstherapeutische Ansätze für die klinische Dgvt-lVerlag 2005 ISBN-13: 978-3871590559
  • Rabovsky K, Stoppe G: Diagnoseübergreifende multimodale Psychoedukation: Manual zur Leitung von Patienten- und Angehörigengruppen. Urban & Fischer Verlag 2008 ISBN-13: 978-3437247200
  • Bäuml / Behrendt / Henningsen / Pitschel-Walz; Handbuch der Psychoedukation für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin 2016 ISBN 13 978-3794531318
  • Begriff Deduktion bezeichnet die Ableitung von einer allgemeinen Aussage auf den Einzelfall, umgekehrt die Induktion. Man versucht also, die Richtigkeit einer Theorie an einem konkreten Beispiel zu erörtern, umgekehrt die Richtigkeit eines Einzelfalls als Theorie für alle [Karl Popper]. Beispiel für DEDUKTION: Alle Menschen haben Angst >> Herr Müller ist ein Mensch >> Herr Müller hat Angst, Bspl. für INDUKTION: Herr Müller hat Angst >> Herr Müller ist ein Mensch >>  Alle Menschen haben Angst.
  • Karl Popper 1994: Alles Leben ist Problemlösen, ISBN 3-492-22300-1
  • Markus Knauff: Deduktion, logisches Denken (PDF; 816 kB), Beitrag für den Band C/II/8 der Enzy-klopädie der Psychologie “Denken und Problemlösen“
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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer