Entspannungstherapien

Dr. Uli Dahlhaus, Arzt

Die Verschiedenartigkeit von uns Menschen ist bestimmt durch eine ungleiche Genetik und darüber hinaus durch das Umfeld, die Lebensweise, die Erfahrungen und durch die Erziehung einer jeden Person.

Schon seit Jahrhunderten diagnostizieren und behandeln asiatische Ärzte mit einer uralten Typenlehre. Danach birgt jeder Mensch von Geburt an ein eigenes Mischverhältnis der drei Körperkräfte:

  • Vata (Luft und Äther bzw. Raum, Leitmotiv: wechselhaft),
  • Pitta (Feuer, Wärme, Leitmotiv: intensiv),
  • Kapha (Erde und Wasser, Leitmotiv: entspannt).

Diese sogenannten Doshas (übersetzt: Fehler beziehungsweise das, was Probleme verursachen kann) richten sich unter anderem nach der Arbeitsweise des sogenannten vegetativen Nervensystems.

Um hier anzuregen oder zu beruhigen, werden bestimmte körperliche Abläufe, deren Ausdruck selbstverständlich auch im geistig-seelischen Bereich wahrzunehmen ist, durch Massagen, Ernährung, Medikamente und Übungen gebremst, intensiviert oder harmonisiert (Integrative Medizin des Privatinum)

Das vegetative Nervensystem

Bild: “Das vegetative Nervensystem des Menschen. Das Schema zeigt eine Auswahl von Zielorganen sowie die antagonistische Wirkungsweise von Sympathikus und Parasympathikus.[1] Sciencia58, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Vegetatives Nervensystem

Das vegetative Nervensystem steuert körperliche Prozesse vollkommen eigenständig und uns nicht bewusst. Das parasympathische Nervensystem ist einer der drei Bestandteile des vegetativen Nervensystems und wird als „Ruhenerv“ oder „Erholungsnerv“ bezeichnet, da es dem Stoffwechsel, der Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven dient.

Sein Gegenspieler ist der Symphatikus. Er bewirkt bei Belastung eine Leistungssteigerung des Organismus. Er steigert die Herz- und Atemfrequenz, erhöht den Blutdruck und stellt Energie durch Abbau von Kohlenhydraten bereit. Das im Darmtrakt vorhandene enterische Nervensystem ist der dritte Baustein des vegetativen Nervensystems.

Der Vagusnerv

Der Nervus Vagus macht den größten Teil des parasympathischen Nervensystems aus und ist über vielfache Verzweigungen mit fast allen inneren Organen verbunden. Der Nervus vagus ist der zehnte, längste und vielschichtigste der zwölf paarig angelegten Hirnnerven, deren Kerne direkt im Gehirn liegen. Er beginnt im Hirnstamm, hinter den Ohren. Von dort wandert er auf jeder Seite des Nackens nach unten bis zum Bauch.Das Wort ‚vagus’ stammt aus dem lateinischen und bedeutet ‚der Umherschweifende’. Neben seiner parasympathischen Steuerungsfunktion der inneren Organe über seine über viszeromotorischen (die Bewegungen der unwillkürlichen Muskulatur betreffend) Fasern verfügt er auch über motorische und sensomotorische Afferenzen (Efferenz: Informationen und Befehle, die vom Gehirn aus an den Körper gesendet werden. Afferenz: Informationen, die zum Gehirn hingeleitet werden).

Wenn der Nervus Vagus aktiviert ist, dann ist der Körper in der Lage zu entspannen. Eine Anregung dieses Hirnnervs ist verbunden mit einer guten Regulation des Blutzuckers, einem verringerten Risiko für Schlaganfälle und Herzprobleme, einem ausgeglichenen Blutdruck und einer gesunden Verdauung.

Ein belebter Nervus Vagus verringert die Anfälligkeit für Migräne, wirkt günstig auf die Darmflora und hilft gegen Entzündungen. Er beruhigt unser Körpersystem und somit auch unseren Geist, er stärkt unsere Resilienz und verbessert unseren Umgang mit Stress, damit sorgt ein tonisierter Nervus Vagus indirekt für eine ausgeglichene Stimmungslage und gute Laune.

Wenn der Nervus Vagus aktiviert ist, dann ist der Körper in der Lage zu entspannen.

Bei zu geringer Aktivierung des Nervus vagus sind Körper und Geist stressanfälliger, Betroffene klagen über depressive Verstimmungen und Konzentrationsminderungen, Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Übellaunigkeit und Gereiztheit. Das Schlaganfallrisiko, die Anfälligkeit für Diabetes oder Entzündungen (rheumatische Erkrankungen, Arthritis und entzündliche Darmerkrankungen) steigt.

Autogenes Training, Meditation und Yoga und Körpertherapie

Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Jogaübungen und Meditationen aktivieren das parasympathische Nervensystem. Sogenannte „Yogis“ und „Yoginis“ durchbrechen z. B. den Circulus vitiosus von „Höher, Schneller, Weiter“ , indem sie mittels ihrer Praxis und ihrer Lebensrhythmen ihre Leben entspannter gestalten. Ein wichtiger Kanal für Lebensenergie ist der Träger des Bewusstseins. Er verläuft aus dem Unterleib durch den Brustkorb bis in der Kopf. In Indien nennt man diesen Kanal „Kurma-Nadi“, den „Schildkrötenkanal“. Auf körperlicher Ebene würde der „Nadi“ dem Nervus vagus entsprechen.

So wie die Schildkröte ihre Glieder einzieht und zur Ruhe kommt, so kommt der Mensch zur Ruhe, wenn der Vagusnerv aktiviert wird.

Ganz besonders die rückbeugenden Übungen dehnen und tonisieren den Nervus vagus. Um den Effekt zu verstärken, kann man das Anhalten des Atems praktizieren.

Körpertherapie

In der Körpertherapie geht es um Berührung und Erfahrung seiner selbst.

Körper ist Raum und Oberfläche, dies soll erkannt, erforscht, gefühlt werden ohne emotionale Geschichten oder in Biographie verstrickt zu werden.

Sondern Betrachter seiner selbst zu sein. Dabei ist der Atem ein wichtiger Begleiter und der Schlüssel zum Körper.

Atem schafft Berührung und öffnet den inneren Raum, baut Druck und Spannung ab, versorgt den Körper mit Lebensnotwendigem.

Die Massage zeigt Strukturen auf. Knöcherne und muskuläre. Durch das Erleben der Oberfläche seiner Selbst und dieser Strukturen kann der Mensch in seinen Körper kommen und dort Klarheit und Sicherheit finden. Es geht um eine basale Stimulation, die Gleichgewicht, Erdung, Validierung und Ruhe bringt. Unruhe und Druck werden abgebaut.

Das Halten von Quellpunkten gibt dem Körper Impulse, loszulassen (Nervus Vagus) und dies wirkt sich auf das komplette Drüsen-, Muskel- und Nervensystem aus.

Es entsteht ein inneres Gleichgewicht, Ruhe und Entspannung.

Der Körper wird an seinen ursprünglichen gesunden Zustand erinnert. In diesem Zustand kann ein Mensch sich erkennen und erleben, Schmerz und Emotionen können sich lösen, Selbstverantwortung ergriffen werden.

Körpertherapie:

  • berührt, begleitet
  • fordert auf zu fühlen, wahrzunehmen, begreifen und sich mit all seinen Strukturen zu erkennen

Selbstwahrnehmung stärken

Die folgenden Tipps sind jedoch nicht für alle Personen gleich hilfreich, obwohl selbstverständlich viele Menschen heutzutage ihren Symphatikus übermäßig aktiviert haben, sprich unter „Symphatikotonie“ leiden.

Der Grund für eine erhöhte Erregbarkeit des sympathischen Nervensystems ist, dass unsere Leistungsgesellschaft so hohe Ansprüche stellt, dass viele Personen sich in einem permanenten „Kampf- oder Fluchtmodus“ befinden. Es gibt jedoch Menschen, deren „Ruhenerv“ so stark tonisiert ist, dass es ihnen schwerfällt, in Aktion zu kommen.

Ein Anliegen dieses Beitrages ist es daher, dass die Leserin oder der Leser sich für sich selbst sensibilisiert und so wahrnehmen kann, welcher Tipp und welche Technik sie oder ihn letztendlich harmonisiert.

„Der lange, tiefe Atem“

Solch eine Atemweise führt durch eine verstärkte, verlangsamte und vertiefende Atembewegung zur Aktivität parasympathische Nervensystem, indem der Nervus vagus aktiviert wird. Das ruhige Heben und Senken des Brustkorbs und des Bauches übt einen positiven Einfluss auf den Parasympathikus aus. Letztendlich profitieren alle Körpersysteme von einer erhöhten Sauerstoffzufuhr, so auch das vegetative Nervensystem.

Das Leben sollte sehr bewusst gelebt werden, aus diesem Grunde „wurde Ihnen das Leben geschenkt“. Aus diesem Grunde besitzen Sie „zwei Nasenlöcher“ und nicht nur eines. Das linke und das rechte wahren Ihre Körpertemperatur.

Der Atem ist das „Geheimnis des Lebens“, er ist sozusagen die Freude des Lebens. Er ist der „Magnet des Lebens“. Wenn Sie z. B. singen, schwingen Sie mit und aktivieren Ihr psychovegetatives Nervensystem also alles, was und Leben umschließt und was Bewusstsein bedeutet. „Atem ist Leben“.

Lachen erhöht die Endorphinausschüttung. „Für Ihre Gesundheit sollten Sie täglich zwei Dinge machen: „Einmal schwitzen und einmal lachen“.

Wenn man lacht, singt oder summt, dann schüttet die Hypophyse vermehrt Oxytocin aus, es wird Serotin freigesetzt (etwa 90 % des Serotonins ist im Magen-Darm-Trakt gespeichert). Das wirkt stressmindernd, regt somit den Parasymphatikus an und sorgt für emotionale Ausgeglichenheit.

Hydrotherapie (Behandlung mit vornehmlich kaltem Wasser) ist eine der ältesten Behandlungsformen der Menschheit. Schon im alten Indien, in China und sogar im antiken Rom hat man sie mit Erfolg angewandt. Eine kalte Dusche am Morgen aktiviert den Nervus Vagus. Außerdem tonisiert es den Vagusnerv, wenn man das Gesicht in kaltes Wasser taucht: Fünfzehn Sekunden lang, fünf bis zehn Mal.

Es ist nicht nur wichtig, auf eine gesunde Ernährung und eine gute Darmflora zu achten, damit das Immunsystem stark ist, sondern auch, weil eine gesunde Darmflora aktivierend auf den Nervus Vagus wirkt und damit eine stärkende und entspannende Wirkungskraft hat.

Einer Studie von Barbara Fredrickson und Bethany Kik zufolge führen positive Emotionen zu stärkerer sozialer Nähe, da der Vagusnerv angeregt ist. Bei diesem Experiment wurde die „Loving-Kindness-Meditationstechnik“ verwendet, um die Teilnehmer in eine gute Stimmung zu bringen. Es zeigte sich jedoch, dass schon die Reflexion auf positive soziale Kontakte den vagalen Tonus steigern konnte.

© Dr. Uli Dahlhaus, Arzt

Kontakt

Gesellschaft für interdisziplinäre Psychologie, Bismarckstr. 14, D-68159 Mannheim
Registergericht HRB 212070, Kontakt: Am Waldrain 4, D-78073 Bad Dürrheim / VS
Fon 07726 939 5942, Fax 07726 939 3856 info@gipgmbh.de

Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner