Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie verfolgt zwei Ziele:

  • Zum einen sollen die Natur, der Ursprung und der Umfang menschlicher Erkenntnis aufgeklärt werden.
    Bei der Aufgabe wird vorausgesetzt, daß wir über Erkenntnis verfügen.
  • zum anderen soll die Möglichkeit von Erkenntnis erklärt und verteidigt werden.
    Bei der Aufgabe wird auf Zweifel der Möglichkeit von Erkenntnis reagiert.

Innerhalb der analytischen Erkenntnistheorie können verschiedene Themengebiete unterschieden werden:

  • Ein Themenkomplex betrifft die Frage nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Proposition gewußt wird. Schon seit der Antike wird Wissen mit wahrer, begründeter Meinung identifiziert. Die leitende Frage lautet: Wie gut müssen die Gründe für meine Meinungen sein, damit ich etwas weiß?
  • Ein zweites Themengebiet bildet die Frage nach der Struktur von Erkenntnis. Auf welche Weise sind Begründungsketten innerhalb eines Meinungssystems strukturiert? Dem Fundamentalismus zufolge stellen Meinungssysteme eine Hierarchie mit einem besonderen Fundament dar. Der Kohärentismus hingegen behauptet, daß Erkenntniss darin besteht, daß unsere Meinungen ein zusammenhängendes Ganzes
  • Die Naturalisierung der Erkenntnistheorie ist ein weiteres Thema. Hierbei geht es um die Frage, in welcher Beziehung Erkenntnistheorie und kognitive Psychologie stehen und ob nicht die Erkenntnistheorie in die kognitive Psychologie überführt werden kann.
  • Auch der Skeptizismus ist ein Grundproblem der Erkenntnistheorie. Der Skeptizismus besagt, daß alle unsere begründeten Überzeugungen über die Außenwelt falsch sein könnten. In der Auseinandersetzung mit dem Skeptizismus kann man grob zwischen vier unterschiedlichen Strategien unterscheiden: der Anerkennung, der direkten Widerlegung, die die Möglichkeit des Wissens über die Außenwelt demonstrativ zu beweisen versucht, der therapeutischen und der theoretischen Diagnose des skeptischen Problems.
  • Schließlich gibt es einen Zweig der analytischen Erkenntnistheorie, der sich mit den Quellen des Wissens und der Erkenntnis beschäftigt. Üblicherweise werden sechs Erkenntnisquellen unterschieden: Wahrnehmung, Erinnerung, Introspektion, Induktion, Schlußfolgern sowie die Bezeugung durch andere.

Der Neurophilosoph Warren McCulloch definiert die Kybernetik als eine Erkenntnistheorie, die sich mit der Erzeugung von Wissen durch Kommunikation befasst. Dieser Haltung schließen wir uns an.

Unter  Erkenntnistheorie in der Soziokybernetik verstehen wir die Anwendung erkenntnistheoretischen Denkens und kybernetischer Prinzipien in der Analyse und dem Umgang mit sozialen Phänomenen.

Sich auf systemisches und kybernetisches Denken zu stützen, heißt also, sich auf Prinzipien einzulassen, in denen ein erkenntnistheoretischer Anspruch zum Ausdruck kommt.

Der Philosoph Georg Klaus sieht Erkenntnistheorie als eine fruchtbare Provokation in der Kybernetik

Evolutionäre Erkenntnistheorie

Evolution ist zum zentralen Paradigma unseres modernen, naturwissenschaftlich geprägten Selbstverständnisses geworden. Längst nicht mehr auf Biologie beschränkt, umgreift es viele naturwissenschaftliche Disziplinen, lässt sich aber auch auf die Gesellschaftswissenschaften und die Philosophie anwenden. Auch die ökologische Krise verlangt evolutionäres Denken für ihre Lösung. Eine neue Synthese zwischen den beiden Kulturen von Natur- und Geisteswissenschaft wird gesucht. Sie scheint sich in der Evolutionären Erkenntnistheorie und in der Evolutionären Ethik anzubieten.

Also wird man es begrüßen, wenn naturwissenschaftliches Denken im Evolutionsparadigma auf Gebiete angewandt wird, die früher als philosophisch galten, nämlich Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Ethik. Doch ist es für einzelwissenschaftliche Disziplinen nicht ohne Risiko, philosophisch zu werden. Denn dann werden sie mit Fragestellungen und Begründungspflicht konfrontiert, die für empirische Theorien sonst nicht üblich ist. Diese Ansprüche zu ignorieren oder zu eliminieren befriedigt aus philosophischer Perspektive nicht.

Doch auch besserwisserische Abgrenzung der Philosophie von der Biologie ist nicht gefragt, sondern die Suche nach Anknüpfungspunkten für eine fächerübergreifende Theorie, in der auch die Philosophie bereit sein muss, über eine veränderte Rolle im Disziplinengeflecht nachzudenken.

Die Evolutionäre Erkenntnistheorie verdankt ihr Interesse einer grundlegenden Naturalisierungstendenz in der Philosophie des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nach der linguistisch-sprachphilosophischen Einführung der Philosophie und Wissenschaftstheorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die neuere evolutionäre Erkenntnistheorie Teil einer naturalistischen und pragmatischen Wende, die sich seit dem Ende des letzten Jahrhunderts vollzieht. Sie ist keineswegs abgeschlossen und wird nicht zuletzt durch die Erfolge der Bio- und Neurowissenschaften, insbesondere der Genetik vorangetrieben. Die Entwicklungen auf diesen Gebieten in den 90er Jahren waren nicht unerheblich. Daher ist es erfreulich, dass zu Beginn des neuen Jahrhunderts eine Neuauflage ein modifiziertes Konzept eines Lehrbuches Evolutionärer Erkenntnistheorie ermöglicht. Dabei ist die disziplinäre Evonäre Erkenntnistheorie (zwischen 1975 und 1990) von einer umfassenderen Beschäftigung mit Fragen kognitiver und moralischer Kompetenzen zu trennen, die mit Darwin begann und deren Fragestellungen seit den 90er Jahren erneut verstärkt diskutiert werden.

Auch die Ergebnisse der Soziobiologie, Autopoiesis-Konzeption und  Verhaltensgenetik kognitiver Kompetenzen haben zu Schwerpunktverlagerungen in Fragestellungen der Wissenschaftstheorie der Evolutionsbiologie und in der evolutionären Behandlung erkenntnistheoretischer Probleme geführt. Wie schon die erste Auflage des „Lehrbuches der Evolutionären Erkenntnistheorie“ beschäftigt sich die zweite Auflage mit evolutionärer Erkenntnistheorie aus der Perspektive einer umfassenderen evolutionsbiologischen Betrachtung kognitiver und sozialer bzw. moralischer Kompetenzen, weil sich gezeigt hat, dass eine isolierte Betrachtung kognitiver Kompetenzen gerade aus evolutionsbiologischer (oder soziobiologischer) Sicht inadäquat ist und eine Überwindung der mentalistischen Engführung der Evolutionären Erkenntnistheorie ansteht.

Die traditionelle Erkenntnistheorie ist  hinreichend abgeschlossen. Dies trifft auf die traditionelle Evolutionäre Erkenntnistheorie auch zu. Zugleich ist dieser Bereich in einem umfassenden Wandel begriffen. Daher werden grundlegende erkenntnistheoretische Entwürfe vorgestellt und exemplarisch mit den wichtigsten Positionen einer evolutionären Betrachtung von Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Ethik konfrontiert. Aus philosophischer Perspektive werden die unterschiedlichsten Strömungen und Theorien der Evolutionären Erkenntnistheorie und Evolutionären Ethik dargestellt, auf ihre jeweiligen Voraussetzungen befragt und im Theorievergleich kritisch gewürdigt. So soll deutlich werden, welcher Beitrag zu einem

interdisziplinären Forschungsprogramm Erkenntnistheorie erwartet werden darf, der neben Evolutionsbiologie heute Molekularbiologie, Neurophilosophie, Kognitionswissenschaften, Autopoiesismodelle und Künstliche Intelligenz mit umfasst.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer