1. Die Integration

In der Medizin ist die Erkrankung eines Menschen Folge des Versagens von zellulären, organischen oder personellen Interaktionen. Diese können bei ihm bedingt sein durch seine individuelle Veranlagung (Disposition), einwirkende Noxen (Belastungen oder Traumatisierungen körperlicher oder
psychischer Art) der Vergangenheit und Gegenwart.

Nachvollziehbar treten deshalb Wechselwirkungen bei einer Erkrankung auf, die somatopsychischer, psychosozialer, und psychosomatischer Natur sein können. Es berühren sich dadurch  medizinische Fachbereiche, die integriert werden müssen. Eine Therapie wird deshalb interdisziplinär mit einer anderen verknüpft.

Da bei jeder Therapie auf Grund neuronaler bzw. hormoneller Interaktionen das zentrale Nervensystem und damit die Psyche beteiligt ist, kann man auch von einer neuropsychologischen Interaktion sprechen.

In diesem Sinne ist in einer individualisierte Behandlung gefordert, interdisziplinäre Prozesse und verschiedene Fachbereiche zu berücksichtigen. Wichtig in Abgrenzung zur Multidisziplinarität ist dabei, dass Behandlungsmethoden individuell (personalisiert, präzise) somatisch, psychisch und sozial angepasst werden. Dazu gehören auch das ärztliche Gespräch und die ärztliche Information.

In seinen Schlussbemerkungen im Leibniz-Forum  [23] über Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven der individualisierten Medizin (Präzisionsmedizin) am Beispiel der Onkologie am 10. März 2016 auf dem Campus Berlin-Buch  wies deshalb Prof. Oehme darauf hin, „dass durch eine Überbetonung biologischer bzw. molekularer Krankheitsfaktoren die persönliche Arzt-Patient-Beziehung nicht aus dem Blick verloren werden darf.“ Diese Meinung spiegelt wider, dass Therapie auch durch die Arzt-Patienten-Beziehung  geprägt ist.

In der somatischen und psychosozialen Medizin genügt nach unserer klinischen Erfahrung nicht, nur die Anpassung der Therapien an individuelle Behandlungsfortschritte vorzunehmen.

Dazu gehört der permanente Dialog zwischen Arzt und Patient, der u. U. geprägt ist von dessen Widerständen, Befürchtungen und  Ängsten. Die synergetisch aufeinander abgestimmten Therapien beginnen mit dem ärztlichen Gespräch in der Klinik und enden mit der Prävention im ambulanten Rahmen. Hinzu kommt die Kommunikation mit beteiligten Therapeuten und Co-Therapeuten. Dieser Prozess entspricht einer kybernetischen Medizin, die Prof. E. W. Burrer in der Penta-Klinik, dem späteren Sigma-Zentrum einführte. In der Gesellschaft für Interdisziplinäre Psychologie wurde sie jetzt durch den systemischen Dialog ergänzt.

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2. Der Systemische Dialog

Der Systemische Dialog ist ein erkenntnisgeprägtes Gespräch [25][26]  wie es häufig in einer Praxis stattfindet (siehe auch Erkenntnistheorie). Es ist ein Gespräch, das sich in der Erzeugung von Wissen durch Kommunikation [W. McCulloch, 2000] auszeichnet, wie der Neurophilosoph Warren McCulloch die Kybernetik definierte, die sich mit der Erzeugung von Wissen durch Kommunikation befasst.(siehe auch Erkenntnistheorie).

In ihm können die Wechselbeziehungen von Arzt und erkrankter Person in einem Dialog des Behandlers mit ihr professionell aktiviert werden, um auch einen selbstregulativen Heilungsprozess z.B. bei der somatischen Behandlung zu ermöglichen.
Der Körper will Harmonie
Das Gehirn und der Körper streben ein Gleichgewicht in ihrer somatischen, emotionalen und geistigen Dimension an, eine Homöostase, die seelisch im Allgemeinen durch Verstehen der Welt (subjektive Erkenntnisse) angestrebt wird.

Die Möglichkeiten, Erkenntnis zu gewinnen sind folgende:

  • Wir nehmen sensorisch, emotional oder kognitiv wahr.
  • Wir nehmen den anderen und uns selbst als getrennte Person wahr.
  • Wir besitzen eine gewisse Individualität, bzw. einen Willen.
  • Wir erkennen einen Unterschied zwischen zwei Ereignissen.
  • Wir haben die Bereitschaft zur Interaktion, zum Gespräch und zum Dialog.

Erkenntnis wird dabei von vier Faktoren beeinflusst:

  • vom Erleben
  • der Kultur
  • der Natur
  • der Veranlagung (evolutive Prägung)

In einem ärztlichen Gespräch, einem systemischen Dialog oder einer Psychotherapie geht es also darum, sowohl körperlichen und emotionalen Prozessen als auch kognitiven Vorstellungen (Bilder und Gedanken als Ausdruck des Unbewussten) eines Erkrankten Beachtung zu verleihen und diese in verständliche Worte zu fassen.

Wie wird das Unbewusste nun erkenntnisorientiert aktiviert? Nach Gerhard Roth [2001] wird es aktiviert, wo Gestaltung und Lernfähigkeit gefordert wird. In der Psychotherapie deckt sich diese Feststellung mit der Psychoanalyse, da Unbewusstes durch Sprache, Handlung und Emotionalität aktiviert wird, zusammengefasst durch ein „Ich-Erleben“.

 

Eine Beschreibung für einen systemischen Dialog kann somit folgende sein:

  • Erkenntnis bedeutet „erkennen“ und „nicht lernen“.
  • Erkenntnis beginnt mit dem Versuch einer gemeinsamen Sprache.
  • Wahrnehmung des Patienten und Resonanz durch den Arzt und Therapeuten führt, wie auch immer in Gang gesetzt, zur Aktivierung neuronaler Netzwerke bzw. des Bewusstseins.
  • Jedes differenzierte Gespräch führt zum Erkennen „subjektiver Wirklichkeit und gemeinsamer Wirklichkeit“, weil das Symptom, genauso wie ein Problem in seinem Wirken gemeinsam erlebt, gesehen, gespiegelt und erkannt wird. (z.B. Systemische Therapie)
  • Psychotherapeutisch wirkt das Gespräch, weil sprachliche Übereinstimmung des Arztes Empathie [27] vermittelt, der Patient sich wahrgenommen fühlt, seine Wahrnehmungen äußert und somit Ich-Erleben (Selbsterfahrung) für ihn möglich und danach oder parallel in einer Psychotherapie bearbeitbar wird. (Tiefenpsychologische Therapie z. B.)
  • Erkenntnisse erfolgen in der Regel langsam, bzw. basieren auf der therapeutischen Interaktion und Zirkularität, d.h. der Therapeut beginnt, das Symptom zu verstehen, der Patient beginnt zu „verstehen“, dann sich selbst zu erkennen, schließlich sich anzunehmen und umzusetzen, was zu ihm passt (Verhaltenstherapie z.B.).
  • Wesentlich ist, Vorstellungen, Gedanken und Fantasien des Erkrankten zu würdigen. Entscheidend ist das Gleichgewicht gemeinsam erreichter Erkenntnisse in einem ausgewogenen Dialog zwischen Arzt und Patient.

K. Grossmann [1998] spricht von der Bedeutung des „Ich-Erlebens“. Dieses ist sowohl für die Problementstehung als auch für die therapeutische Anregungen (Verordnungen) in der Akutmedizin sehr wichtig.

Kernsatz einer Behandlung ist deshalb folgender: Therapeutische Anregungen können aufgenommen werden, wenn sie für das System anschlussfähig sind [K. Ludewig 1987, zitiert bei Elisabeth Wagner 2019]. Gemeint ist mit „System“ das intrapsychische System (Geist und Seele) eines Menschen und das soziale System (Familie und andere soziale Gruppen), in dem er sich bewegt).

 

Wirksam im systemischen Sinne ist

  • das ärztliche Gespräch
  • die ärztliche Information
  • der Dialog mit TherapeutInnen und Co-TherapeutInnen
  • das körperliche und psychische Zusammenspiel durch den Behandler (z. B. bei einer Schmerztherapie),
  • die Selbstregulation durch den kybernetischer Impuls)
  • der allgemeine kommunikative Prozess (Kommunikation der erkrankten Person zwischen den einzelnen Therapien mit anderen PatientInnen B.)
  • die psychisch wirkende Edukation (z. B. Vorträge über die Psyche oder die Selbststeuerung).
  • die zunehmende Überzeugung in der Behandlung, durch eigenes Handeln somatische, psychische und soziale Probleme meistern zu können (Selbstwirksamkeit).

 

Alle kommunikativen Bereiche werden therapeutisch gesteuert und stehen in Wechselbeziehung zueinander (kybernetisches Dreieck – siehe Abb.).

Die Integration aller Abläufe setzen einen Dialog mit dem erkrankten Menschen und dem therapeutischen bzw. sozialen Umfeld voraus. Diese Integration zeichnet sich auch durch die Aktivierung selbststeuernder Prozesse aus.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Dialog, Information und Selbststeuerung Teil einer Integrativen Therapie sind.

3. Die neuronale Steuerung

Das zentrale Nervensystem als Mittelpunkt des Menschen spielt bei der Beurteilung interaktiver Prozesse, systemisch betrachtet, die zentrale Rolle, denn es koordiniert selbstorganisatorisch alle somatischen und psychischen Abläufe [1]. Die Aktivierung dieser ist Voraussetzung für Nachhaltigkeit, also Immunität und Selbstwirksamkeit.

Anders ausgedrückt werden durch eine integrativ geprägte Akutmedizin und Psychotherapie synergetische Heilungsprozesse angestoßen: z. B. psychosozial, neuroimmunologisch und somatophysikalisch. Die erkrankte Person geht immer mit sich in den Dialog, auch wenn die Behandlung somatischer Natur ist. (z. B. Physiotherapie, Schmerztherapie).

4. Interaktive Abläufe in einer informierenden Medizin sind

  • Informationen (Marstedt, Gerd 2003), z.B. durch therapeutische Vorträge über Krankheiten (z.B Depressionen) und Therapien (z.B. Psychotherapien),
  • Informationen über Medikamente, deren Wirkungen und Nebenwirkungen,
  • Informationen über Prävention in der Medizin (Thema eines Vortrags z.B. „Reden ist Gold, Schweigen ist Silber“ die wichtige Bedeutung der Kommunikation),
  • gegenseitige Informationen beteiligter ÄrztInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen.

5. Interaktive Abläufe in einer kybernetisch gesteuerten Medizin sind

  • der Dialog bei der Diagnostik mit der erkrankten Person und ihrem therapeutischen Umfeld (Anamnese, somatische Untersuchung, Testpsychologie, Diagnose),
  • die Information über Abläufe der Therapien (z. B. einer Psychotherapie),
  • die Regulation biopsychosozialer Wechselwirkungen (z. B. keine Psychotherapie bei akuten körperlichen Störungen, stattdessen ein ärztliches Gespräch),
  • die Steuerung somatischer und psychosozialer Prozesse (Entlastung d. PatientIn durch psychotherapeutisches Coaching z. B.),
  • das ärztliche Gespräch, der Systemische Dialog, die Psychotherapie, die Medikation und die somatische Behandlung wie Schmerztherapie oder Physiotherapie.

6. Zusammenfassung

Die lineare d.h. verstandesmäßige Kommunikation bestimmt zunächst die Interaktion von Menschen in ihrer sozialen und interpersonellen Begegnung. Tatsächlich bestimmt aber die Zirkularität die Kommunikation, getragen vom Empfinden, vom Denken und von der Sprache (Semiotik) der Beteiligten.

 Jede Behandlung ist deshalb auch eine geistige und emotionale Begegnung einer Patientin oder eines Patienten mit sich selbst und damit auch mit Erkenntnissen ihrer oder seiner selbst.

Gesamtheitlich geht es darum, dass auf Behandlungen der Medizin das Prinzip „Interaktion“ (Beziehung) und „Zirkularität“ (Regelkreis) übertragbar ist. Entsprechend tragen Information, gesteuerte medizinische Intervention (Medikation, Injektionen, Physiotherapie, z. B.) und Dialog zur weiteren Selbstregulation, Selbstwirksamkeit und Resilienz (Widerstandsfähigkeit) bei.

Der Dialog mit dem erkrankten Menschen über seine Probleme, über die Regulation seiner Behandlung und über die Beziehung zu seinem Umfeld sind Ausdruck einer „sprechenden Medizin“, die Steuerung selbstregulativer Heilungsprozesse ermöglicht.

 

Selbstregulative Prozesse werden in einer Behandlung aktiviert durch

  • die Aktivierung von Ressourcen (Wissen, Erkenntnisse, Resilienz, soziale – und somatische Ressourcen),
  • Informationen über Diagnosen oder Therapien [Marstedt, G. 2003],
  • den ich-stärkenden Dialog [7,18,19]. Prinzip der Validierung und Akzeptanz – „nicht verordnen, sondern kooperieren“,
  • den erkenntnisgeprägten Dialog, die Systemische Therapie, die Verhaltenstherapie und die Psychotherapie.

Alle Bereiche können sich im kybernetischen Sinne gegenseitig verstärken, ergänzen, neutralisieren oder schwächen, je nachdem auf sie eingewirkt wird.

 

Idealerweise ist Akutmedizin und Psychotherapie somit 

Dialog • Diagnostik • Behandlung • selbstregulativer Prozess.

 

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Erich W. Burrer, Univ. Prof. Dr. med. Dr. h.c.,
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7. Literaturangaben

8. Quellen

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer