1. Vorwort

Der Körper ist mit der Psyche wie bekannt untrennbar verbunden. Somit kann eine somatischen Störung auch seelische Probleme widerspiegeln. Anhand einiger Beispiele
soll dies hier kurz veranschaulicht werden und dem Leser Anregungen gegeben werden, therapeutische Wege in einem biopsychosozialen Prozess zu erfahren. Wir würden uns sehr freuen, mit Ihnen liebe Leserin und lieber Leser über das Thema „Körper und Psyche“ in einen Dialog treten zu dürfen.

Mit herzlichem Gruß Dres. Burrer
Bad Dürrheim, den 03.11.2021

2. Die Spiegelneuronen und die menschliche Beziehung (Bindung)

Die Interaktion von Menschen ist mehr als ein verbaler Prozess, den diese zur Not auch unterlassen könnten. Sie ist immer für die Beteiligten ein seelisches und körperliches Erleben, verbunden mit einem biologischen Prozess des Zentralen Nervensystems. Ein im Gehirn vorhandenes System von sogenannten Spiegelneuronen ist auf Empathie und damit auf Bindung und Beziehung ausgelegt, [Rizzolatti G., Corrado S, Empathie und Spiegelneuronen, die biologische Basis des Mitgefühls]. Diese ermöglichten in der Evolution die sprachliche Entwicklung und das Bewusstsein [Tomasello, Michael, 2008; Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation]

Das Fehlen von Beziehung, Bindung und Empathie durch andere führt bei Betroffenen zu einem Gefühl nicht erlebter Wertschätzung. Die damit einhergehende somatische und psychogene Krankheitssymptome zeigen sich und vermehrt bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen, die eine gestörte Kommunikation und fehlende Wertschätzung der betroffenen Menschen an ihrem Arbeitsplatz beschreiben. Beide Probleme sind zu einem wesentlichen Stressfaktor und entsprechender Ursache von Erkrankungen in der Allgemeinen – und Psychosozialen Medizin geworden. Denn »wo zwischenmenschliche Beziehungen quantitativ abnehmen, nehmen somatische Gesundheitsstörungen zu«. [Gedächtnis des Körpers, Joachim Bauer, 2015].

3. Die Gene

Entscheidendes Ausführungsorgan bei sämtlichen Stoffwechselprozessen des Organismus ist die Stoffgruppe der Proteine. In ihrer Eigenschaft als Botenstoff, Hormone und als biochemische »Fabrikarbeiter« besorgen sie den wesentlichen Teil aller biologischen Abläufe des Körpers. Gene üben ihre entscheidende Rolle dadurch aus, daß sie die Herstellung von Proteinen kontrollieren. Jedes der im Körper vorhandenen Proteine wird durch ein Gen (nämlich durch »sein« Gen) kontrolliert.

Die durch die Gene ausgeübte Kontrolle über die Proteine hat zwei Aspekte:

• Zum einen enthält die DNS-Sequenz eines jeden Gens den Bauplan für das unter seiner Aufsicht produzierte Protein (die DNS-Sequenz wird dabei in die Aminosäure-Sequenz des zugehörigen Proteins »übersetzt«).
• Zum anderen wird jedes Gen durch das Zell-Milieu und durch von außen (aus der Umwelt) kommenden Signalen reguliert.

Die Regulation des Gens bestimmt, ob und in welcher Menge »sein« Protein produziert wird. Die Produktion eines Proteins hängt von der Aktivierung oder Deaktivierung seines Gens ab. Die Regulation der Genaktivität, und damit das wechselnde Maß der Produktion von Proteinen, ist die entscheidende Regelgröße für krankheitsrelevante Körpersysteme (Hormonsystem, zentrales – und peripheres Nervensystem, Immunsystem, Kreislaufsystem).

Die Regulation der Genaktivität erfolgt nicht autonom, das heißt, sie wird nicht vom Gen selbst bestimmt (Gene sind nicht »autonom«). Die Regulation der Genaktivität wird, für jedes Gen getrennt, durch sog. regulatorische Sequenzen vermittelt, die dem Gen »vorgeschaltet« sind. Welche »Kommandos« die regulatorischen Sequenzen binden und aktivieren, hängt von Signalen ab, die aus der Zelle selbst, aus dem Gesamtorganismus oder aus der Umwelt kommen können.

Im Gehirn unterliegt die Regulation zahlreicher Gene einem ständigen Einfluss von Signalen, die aus der Außenwelt stammen, über die fünf Sinne aufgenommen und an definierte Strukturen des Gehirns weitergeleitet werden. Diese Signale werden durch Netzwerke der Großhirnrinde und des limbischen Systems bewertet und in biologische Signale umgewandelt, die Transkriptionsverfahren aktivieren.

Signale der Umwelt —>  Gehirn —> biologische Signale => Alarmreaktionen oder Nervenwachstum

  • Äußere Gefahrensituationen verwandelt das Gehirn in biologische Signale, die »Alarmsysteme des Gehirns« (Hirnstamm/ Hypothalamus) aktiviert und damit deren neuronale Plastizität verstärkt  (was zu einer Erregbarkeit oder  Aggressivität beiträgt).
  • Positive Situationen werden von dem Gehirn in biologische Signale umgesetzt, welche die Aktivierung der Gene zum Nervenwachstum zur Folge haben.

Stress und Gene

Angst, Gefahrensituation und der damit einhergehende seelische Stress führen im Gehirn zur Aktivierung einer »Familie« von Stressgenen. Die Produkte dieser Stressgene haben körperliche Reaktionen zur Folge. Die Auswirkungen erstrecken sich, wie in wissenschaftlichen Untersuchungen belegt wurden, unter anderem auf das Herz- und Kreislaufsystem sowie auf das Immunsystem und verschlechtern bei bereits bestehenden körperlichen Erkrankungen den Verlauf. Darüber hinaus hat die Produktion von aktivierten Stressgenen in nachhaltiger Weise Rückwirkungen auf das Organ, welches die Stressgen-Kette in Gang setzt: das Gehirn, hier zeigen zahlreiche Studien, dass Belastung- und Stress schädigende Wirkungen auf Nervenzellstrukturen ausüben können, aber nicht müssen (z. B. bei der Fähigkeit zur Resilienz).

4. Die Biographie und unser Hirn

Die biologische Reaktion auf Belastungen (Stress) ist von Person zu Person unterschiedlich. Entscheidend für die seelische und körperliche Reaktion auf eine äußere Situation ist – von Extremsituationen abgesehen – nicht die »objektive« Lage, sondern die subjektive Bewertung durch Psyche und Gehirn. Die Bewertung aktueller, neuer Situationen erfolgt durch die Großhirnrinde und das mit ihr verbundene limbische System (das eine Art »Zentrum für emotionale Intelligenz« darstellt). Wie die Bewertung ausfällt, hängt von Vorerfahrungen ab, die der Mensch in ähnlichen Situationen gemacht hat, die in Netzwerken der Nervenzellen gespeichert sind und mit denen die aktuelle Situation durch das Gehirn abgeglichen wird. Aufgrund der Unterschiede individueller Biografien fällt der Abgleich, auch wenn eine aktuelle Situation »objektiv« identisch ist, von Person zu Person verschieden aus.

Wird eine aktuelle äußere Situation aufgrund von Vorerfahrungen in ähnlichen früheren Situationen von der Großhirnrinde und dem limbischen System alarmierend eingeschätzt, so werden unter »Federführung« des Mandelkerns (Amygdala) der zum limbischen System gehört, die Alarmzentren des Gehirns (Hypothalamus und Hirnstamm) aktiviert, die ihrerseits massive Körperreaktionen in Gang setzen. Da äußere Situationen jedoch, wie bereits ausgeführt, individuell verschieden bewertet werden, fällt auch das Ausmaß der Aktivierung von Alarmsystemen durch den Mandelkern (Amygdala) von Person zu Person
sehr unterschiedlich aus, auch wenn die äußere Situation »objektiv« die gleiche ist. Die gleiche Feststellung kann für die Fähigkeit zur Resilienz gelten, die bestimmten Personen möglich ist, anderen nicht.

Wie wissenschaftliche Studien zeigten, hinterlassen nach der Geburt gemachte Erfahrung von Bindung zu Bezugspersonen im biologischen Stresssystem Schutz,
sodass biologische Stressreaktionen bei später im Leben auftretenden Belastungsereignissen »im Rahmen« bleiben.
Umgekehrt haben frühe Erfahrungen von Stress eine erhöhte Empfindlichkeit (»Sensibilisierung«) des biologischen Stresssystems zur Folge.

 

Sichere Bindungen und Beziehungen schützen jedoch nicht nur das Kind vor Stress. Soziale Unterstützung und zwischenmenschliche Beziehungen bleiben das ganze Leben hindurch der entscheidende Schutzfaktor gegenüber übersteigerten und potenziell gesundheitsgefährdenden Folgen der Stressreaktionen.

5. Körperliches Fühlen, Bindung, Denken und Handeln

Die Entwicklung von Fühlen, Denken und Handeln verläuft parallel mit der Entstehung von Netzwerken der Nervenzellen; diese entstehen durch Verschaltungen, mit denen die über 20 Milliarden Nervenzellen des Gehirns verknüpft sind. Die Verschaltungen erfolgen über kleine Kontaktzonen auf der Oberfläche der Nervenzellen, den Synapsen. Hier tauschen Nervenzellen untereinander Botenstoffe (Neurotransmitter) aus, wenn eines der Netzwerke, dem sie angehören, aktiv wird.

Körperliches Fühlen, Denken und Handeln einerseits sowie die Netzwerke andererseits stehen in wechselseitiger Abhängigkeit: Seelische und geistige Prozesse, die sich aus der Beziehung des Individuums zu seiner Umwelt ergeben, aktivieren die Netzwerke, in denen die zur Beziehung gehörende Wahrnehmungs- oder Handlungsmuster gespeichert sind. Die Benutzung der Netzwerke aktiviert in den beteiligten Nervenzellen (insbesondere deren Wachstum), die zur Stabilisierung und Ausbau von viel benutzen Netzwerken und zur Vermehrung ihrer synaptischen Verschaltungen führen. Umgekehrt ist es das in Netzwerken gespeicherte »innere Bild der Welt« in all ihren Aspekten, welches es möglich macht, dass Erinnerungen, Vorstellungen, Gedanken und Gefühle in unsere
subjektive Wahrnehmung gelangen.

Den permanenten Aufbau und Umbau von Verschaltungen des Gehirns in Abhängigkeit dessen, was wir erleben und tun, bezeichnet man als »erfahrungsabhängige Plastizität« des Gehirns. Mechanismen der erfahrungsabhängigen Plastizität setzen bereits während der Schwangerschaft ein und spielen in den ersten Jahren nach der Geburt eine gewalti ge Rolle, nicht nur für die emotionale und intellektuelle, sondern – damit untrennbar verbunden – auch für die neurobiologische Entwicklung des Kindes. Mehrere neurobiologisch »installierte« Systeme, beispielsweise die Spiegelneuronen oder das »Bindungshormon« Oxytocin, zeigen, dass das Gehirn (neurobiologisch) ein auf Bindung eingestelltes und von Bindung abhängiges System ist.

6. Die Depression und das Herz

(ein Beispiel psychosomatischer Interaktion)
Depressive Erkrankungen erhöhten das Herzrisiko. Bei Gesunden führen nicht behandelte Depressionen auf lange Sicht zur Verdoppelung des Risikos, herzkrank zu werden. Bei einer koronaren Herzkrankheit oder nach einem Herzinfarkt erkrankt sind, bewirkt eine zusätzlich vorliegende unbehandelte Depression eine etwa dreifache Erhöhung des Risikos, an einem Herztod zu sterben.

Der Grund für die Zusammenhänge ist, dass Depressionen die Aktivität von Nerven (Vagus, Sympathikus), die vom Gehirn ausgehen und das Herz steuern, verändern. Die durch die Depression verursachte Änderung der Aktivität dieser Nerven hat eine Einschränkung der Puls-Schwankungsbreite zur Folge, die ihrerseits ein bekanntes Risiko für den Herztod darstellt. Herzpatienten sollten, falls Hinweise auf eine Depression oder eine emotionale Belastungen vorliegen, zusätzlich zu einer internistischen Behandlung das Angebot einer psychosomatischen und psychiatrischen Behandlung erhalten.

7. Stress und der Körper (Immunsystem)

Seelische Belastungen und Depressionen können eine Beeinträchtigung der Abwehrkräfte des Immunsystems zur Folge haben.
Dass zwischenmenschliche Beziehungen Einfluss auf die Aktivität von Genen und biologischen Abläufe haben, hat sich für das Immunsystem als zutreffend erwiesen. Stress und Depression verändern die Genaktivität nicht nur bei zahlreichen Immunbotenstoffen (Zytokinen), sondern auch in Zellen des Immunsystems (T-Zellen und Natural-Killer-Zellen), sodass deren Abwehrkraft gegenüber Erregern und gegenüber Tumorzellen
entscheidend vermindert wird. Wenn Belastungen durch Stress oder Depressionen mit psychosozialen Therapien nicht beseitigt werden, ergeben sich erhöhte Krankheitsrisiken, auch für bösartige Erkrankungen.

  • Hinweise liegen vor, daß antidepressive Medikamente die Tumorabwehr des Körpers erhöht.
  • Zahlreiche Studien belegen des Weiteren, dass Psychotherapie beim Vorhandensein einer psychischen, z. B. depressiven Störung nicht nur die Funktionen des Immunsystems stärkt.
  • Sie beeinflussen auch bei Patienten, die an einer somatischen Störung leiden, deren selbstregulativen Heilungsverlauf z. B. in einer allgemeinärztlichen Behandlung positiv. [Rick und H. Hoyle: Handbook of Personality and Self-Regulation. Black-well Publishing, Malden, Mass. 2010]

8. Die Schmerzerfahrung

Intensive oder länger dauernde körperliche, aber auch psychische Schmerzerfahrungen lassen im Körper eine „Inschrift“. (Engramm) zurück, das als »Schmerzgedächtnis« bezeichnet wird. Schmerzen werden nicht nur als Signale des Berührungs- und Schmerzsinnes (im sensiblen Cortex) gespeichert, sondern zusätzlich auch in einem emotionalen Schmerzgedächtnis (im Gyrus cingulli, der zum limbischen System, dem »Zentrum für emotionale Intelligenz«, gehört). Körperlich selbst erlittene Schmerzen hinterlassen in beiden Orten des Schmerzgedächtnisses eine Spur. Gesehene beziehungsweise direkt miterlebte Schmerzereignisse, die sich bei einem anderen Menschen abgespielt haben, hinterlassen im emotionalen Schmerzgedächtnis des Gyrus cinguli ihre Spur.

In früherer Zeit durchgemachte somatopsychische Schmerzerfahrungen können – auch nach vielen Jahren – in seelischen Belastungssituationen reaktiviert werden und dann chronische Schmerzen »ohne Befund« hervorrufen. Durch eine körperliche Erkrankung verursachte chronische Schmerzen bedürfen einer Behandlung der Grundkrankheit (z. B. einer rheumatoiden Arthritis, anderer Rheumaerkrankungen, Tumorerkrankungen, Nervenkrankheiten etc.). Hier sind meist auch Schmerzmittel gerechtfertigt. Auch chronische Schmerzen, die ohne Befund auftreten (z. B. beim Fibromyalgie-Syndrom), stehen im Zusammenhang mit dem Schmerzgedächtnis.

Bei dieser Form von Schmerzerkrankung empfiehlt sich eine neurologisch-psychosomatische Behandlung, wobei in der Regel mit einer (teil)stationären Behandlung begon-nen werden sollte, da sich zusätzlich zur Psychotherapie auch somatische Behandlungen einsetzen lassen, die sich bei chronischen Schmerzen besonders bewährt haben. An eine klinische Behandlung sollte sich eine ambulante psychotherapeutische und somatische Behandlung anschließen.

9. Die posttraumatische Störung

Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind unter anderem emotio-nale Labilität (Flashback oder Intrusionen), nächtliche Albträume, Angstzustände, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Rückzug, Vermeidungsverhalten und in vielen Fällen auch unvermittelt auftretende Suizidimpulse.

Etwa acht Prozent der Personen, die schwere Unfälle (inklusive Autounfälle) erlebten, erleiden eine posttraumatische Belastungsstörung.

Nach Gewaltverbrechen wie Vergewaltigung oder körperlicher Misshandlung erkranken 45 – 65 Prozent der Betroffenen an einer posttraumatischen Stresserkrankung. Unfälle oder spektakuläre Katastrophen finden oft starke öffentliche Beachtung. Häufigste Ursachen von Traumata sind jedoch Gewalt im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen.

Als »Trauma« wird das Erlebnis einer extremen, durch Bedrohung, Gewalt oder Lebensgefahrcharakterisierten Gefahrensituation bezeichnet, bei der keinerlei Möglichkeit bestand, zu entrinnen oder irgendetwas zu tun, um die Situation zu beeinflussen.

Traumatisierende Erlebnisse (auch in zurückliegenden Phasen wie Kindheit) führen zu einer extremen Aktivierung der Alarmsysteme des Gehirns (Amygdala, Hypothalamus, Hirn-stamm). Das seelische Traumaerlebnis verändert in den genannten Gehirnzentren die Aktivität von Genen und erzeugt Veränderungen in neurobiologischen Strukturen. Unbehandelt erleiden Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, verursacht durch den Leidensdruck aufgrund ihrer Symptome, sehr häufig Depressionen oder geraten in eine Abhängigkeitserkrankung (häufig Alkohol).

Einmalige Kurzbehandlungen im Schnellverfahren (so genannte Debriefings), die unmittelbar nach einem Trauma angewandt werden, haben sich als eher schädlich erwiesen. Psychosoziale Langzeittherapien können Traumafolgen, besonders, wenn sie früh erfolgen erwiesenermaßen – auch neurobiologisch – bessern oder beheben.

10. Gewalt und der Körper

Die Auswirkungen kindlicher Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen auf die seelische Gesundheit und auf neurobiologische Strukturen gehen entscheidend über das hinaus, was Traumen bei bereits erwachsenen Personen anrichten können. Zusätzlich zu Veränderungen, die bei der posttraumatischen Belastungsstörungen zu beobachten sind, lösen in der Kindheit zugefügte schwere Traumen eine sogenannte seelische Notfallreaktion aus, die als Dissoziation bezeichnet wird.

Die Dissoziation besteht in einem Sich-Entfernen des subjektiven Erlebens aus dem Hier und Jetzt, um sich vor unerträglichen seelischen oder körperlichen Schmerzen zu schützen.

Die Signale, die im Moment der Traumaerfahrung auf die Netzwerke der Großhirnrinde und auf das mit ihr verbundene limbische System (gewissermaßen das »Zentrum für emotionale Intelligenz«) eintreffen, führen zur Aktivierung von Genen eines körpereigenen Betäubungssystems. Dieses System besteht aus endogenen (körpereigenen) Opioiden und ihren Empfängermolekülen (Opioidrezeptoren) auf der Oberfläche von Nervenzellen.

Die Dissoziation (und Konversion) ist daher nicht nur ein psychischer Prozess der Entfernung der Seele von sich selbst und vom körperlichen Empfinden, sondern zugleich auch  ein neurobiologischer Akt der »Selbstbetäubung« des Gehirns.

Im Rahmen von Traumaerfahrungen entstandene Dissoziationen zeigen die Tendenz, sich in der Folgezeit zu wiederholen, auch dann, wenn keine Traumasituation mehr vorliegt.

Aus psychischen und neurobiologischen Spuren, die kindliche Traumaerfahrungen hinterlassen, können sich schwere dissoziative (auch körperlichen) Symptome ergeben (insbesondere bei Borderline-Erkrankungen, bestimmten Essstörungen und Psychosoma-tosen). Die Therapie ist eine psychosoziale Behandlung, spez. eine beziehungsgeprägte Psychotherapie, die über Empathie Bindungsfähigkeit aktiviert bzw. reaktiviert.  

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11. Beziehung und Symptome (Burnout)

Zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen hinterlassen auch am Arbeitsplatz Spuren. Nach neuen Untersuchungen befinden sich in Deutschland bis zu 25 % der insgesamt etwa 36 Millionen Erwerbstätigen in einer gesundheitlichen Situation, die der New Yorker Arzt und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger erstmals als Burnout-Syndrom bezeichnete. Symptome sind z.B. Schwindelgefühle, Schlafstörungen, Bauchschmerzen oder Erschöpfung ohne körperlich pathologischen Befund, ohne Angst und ohne depressive Verstimmung.

Risikofaktoren für das Burnout-Syndrom sind: hohe Belastung und Eintönigkeit der Arbeit, geringe Anerkennung und fehlender kollegialer Zusammenhalt sowie fehlende positive Rückmeldung von Seiten derjenigen, für die man tätig ist. Wirksamste Prävention gegen das Burnout-Syndrom bieten Supervisionsgruppen für MitarbeiterInnen, die durch externe ModeratorInnen geleitet werden sollten. Bei bereits eingetretenen Burnout-Symptomen ist eine ambulante – oder klinische -, auch teilstationäre Behandlung indiziert, die biopsychosoziale Zusammenhänge berücksichtigt.

12. Psychotherapie in der Psychiatrie und Psychosomatische Medizin

Ein 1991 im Auftrag der Bundesregierung erstelltes Forschungsgutachten, das unter der Federführung des ehemaligen Hamburger Psychosomatikers Adolf Ernst Meyer und des ehemals in Bern lehrenden Psychotherapieforschers Klaus Grawe erstellt wurde, kam nach Auswertung von hunderten von Studien zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit

  • sowohl für die psychodynamische Psychotherapie
  • als auch für die Verhaltenstherapie als wissenschaftlich belegt anzusehen ist und da-mit Eingang in der Psychiatrie und Psychosomatik fand.
  • Von einer Arbeitsgruppe um Marianne Leuzinger-Bohleber (Frankfurt) sowie von einer Gruppe um Rolf Sandell (Stockholm) vorgelegte, sorgfältig durchgeführte große Studien ergaben für die psychoanalytische Behandlung (Teil der Psychodynamischen Therapie) an der sich in den immer wieder hitzige ideologische Debatten entzündeten, einen klaren Wirksamkeitsnachweis.

Aufgrund einer überschaubaren Therapiedauer empfiehlt sich in einem biopsychosozialen Setting, des Weiteren

  • das ärztliche Gespräch (ein dialogisches und erkenntnisgeprägte Gespräch)
  • das psychosomatische Gespräch (analog der psychosomatischen Grundversorgung),
  • die Systemische Therapie (deren Wirksamkeit ebenfalls nachgewiesen ist) und
  • die Logotherapie, zugelassen durch d. Gesellschaft f. Logotherapie & Existenzanalyse,
  • die Soziotherapie sie stellt die lebenspraktische Anleitung dar.
  • Entspannungs- und hypnoide Verfahren, Yoga (Körpertherapie)

die edukative Psychotherapie (Information und Selbstentwicklung)

Psychiatrische, psychosomatische und somatische Verfahren haben die Aufgabe, individuelle Fähigkeiten des erkrankten Menschen zu verbessern.

  • Verbessert werden z.B. die soziale und psychische Kompetenz durch die Verhaltenstherapie und die Systemische Therapie.
  • Beziehungsprobleme und Bindungsdefizite werden im Allgemeinen durch die Psychodynamische Psychotherapie
  • Gelöst werden können spirituelle – und Sinnfragen auch durch die Logotherapie bzw. Existenzanalyse.
  • Die Soziotherapie aktiviert die gesunden Anteile eines erkrankten Menschen und regt ihn zur Selbstregulation an, d. h. versucht, ihn in möglichst kurzer Zeit zu befähigen, durch eigene Kräfte (Ressourcen und Resilienz) soziale Aufgaben zu bewältigen.
  • Erweitert werden kann der Aktionsradius einer psychosomatisch oder psychisch erkrankten Person u.U. durch eine somatische Differenzialdiagnostik und Behandlung (medikamentös, physiotherapeutisch, ernährungsmedizinisch, verhaltensmedizinisch, etc.).

Wie Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zeigen, wirken psychosoziale Therapien nicht nur psychisch, sondern auch neurobiologisch auf körperliche Strukturen wie Kreislauf oder Verdauungstrakt beispielsweise. Behandlungen in der Psychosozialen Medizin können deshalb dazu beitragen, dass sich neurobiologische Störungen auch wieder zurückbilden.

Eine verantwortungsvolle und mit ausreichender medizinischer Fachkenntnis vorgenommene psychiatrische Behandlung mit einem Psychopharmakon (z. B. bei Zuständen extremer Angst, akuter Suizidalität, schwerer Depression, Angsterkrankung und akuten oder chronischen Psychosen) ist eine unersetzliche Hilfe.

Psychopharmaka wirken dadurch, dass sie im Gehirn die Ausschüttung von Botenstoffen verändern und auf diese Weise Symptome lindern, wodurch die Voraussetzung für eine Psychotherapie und Soziotherapie ermöglicht wird. Sie haben einen indirekten Einfluss auf Problemlöse-Fähigkeiten und Resilienz, die sich bei jedem Menschen primär aus Lernvorgängen und zwischenmenschlichen Erfahrungen ergeben.

Probleme der Therapie mit Psychopharmaka bestehen hinsichtlich der oft nicht beachteten individuellen genetisch bedingten Medikamentenverträglichkeit und Unspezifität. Dies führt dazu, dass bis zu 40 % der PatientInnen bei bestimmten Psychopharmaka in Gefahr sind, falsche Dosierungen oder nicht effizient wirkende Medikamente zu erhalten. Um einen »Blindflug« bei der Therapie zu vermeiden, ist eine in den Blutgruppenausweis einzutragende Bestimmung des individuellen Verträglichkeitstyps vor der Gabe des Medikaments deshalb vielleicht sinnvoll.

13. Schlussbemerkung

Wo zwischenmenschliche Beziehungen quantitativ abnehmen, nehmen somatische Gesundheitsstörungen im Allgemeinen zu [Joachim Bauer]. Zusammenfassend gesehen bieten Bereiche der Psychiatrie, der Psychosomatischen – und Somatischen Medizin deshalb nicht nur den Weg, der zu einer intakten Seele führt, sondern auch zu einem gesunden Körper.

 

Copyright

Klinik Privatinum, 78073 Bad Dürrheim – GIP Gesellschaft  f. Interdisz. Psychologie mbH, Dr. R.A. Burrer, Allgemeinarzt, Dr. E.W. Burrer, Psychosomatiker, Neurologe & Psychiater, Fachärzte f. Psychiatrie & Psychotherapie, Kontakt: T. 07726-9395942 • info@gipgmbh.de

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer