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Neben der körperlichen und seelischen Dimension gibt es, wie Karl Popper es beschreibt, eine dritte, die geistige Dimension. Er formuliert, dass Erkennen und Denken immer von geistigen Annahmen geprägt sind, die sich im Glauben eines Menschen, in seinen Überzeugungen, in sozialen Strukturen, Regeln, Gebräuchen, Gesetzen und Ritualen wiederfinden. Selbst die Wissenschaft ist, wie Popper es vermittelt, von Annahmen und Theorien geprägt, die zunächst einen Glaubensansatz beinhalten.

In den Therapien geht es deshalb darum, die Existenz des Menschen und sein Tun grundsätzlich als gegeben anzunehmen, d.h. nicht zu interpretieren, sondern in seiner Sinnhaftigkeit zu erfassen, zu verstehen und zu reflektieren.

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Logotherapie und Existenzanalyse

Nach dem Denkkonzept der Existenzanalyse stellt die Sinnfindung im eigenen Leben das primäre Bedürfnis dar: welchen Sinn sehe ich in dem, was ich heute tue, in dem was ich für dieses Jahr geplant habe, in dem Beruf, den ich gewählt habe, in meinem persönlichen Leben mit dessen gesamter Planung und Perspektiven?

Wenn wir auf diese Fragen keine befriedigende Antworten finden, wenn wir keinen Sinn in unserem Leben finden, suchen wir  nach einer „Ersatzbefriedigung“, um die innere Leere zu bewältigen.

Der Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie der Psychiater und Philosoph Viktor Frank, schrieb in seinem ersten großen Werk der „ärztlichen Seelsorge“: „Heute wenden sich Patienten an den Psychiater, weil sie am Sinn ihres Lebens zweifeln oder gar daran verzweifeln, einen Lebenssinn überhaupt zu finden….“ Die Ordination des Arztes ist ein Auffangstelle geworden für alle am Leben Verzweifelnden, an einem Sinn des Lebens Zweifelnden.

Deshalb werdend wir ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen bei unserer Arbeit regelmäßig mit Sinnfragen konfrontiert, weil unsere PatientInnen diese stellen.

Oft stehen sie im Zusammenhang mit geänderten Lebensumständen nach dem Ausbruch chronischer Krankheiten, um damit verbunden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit oder gravierende Veränderungen im familiären oder sozialen Umfeld.

Die geistig geprägte „noogene”  Depression

Nach dem Denkkonzept der Existenzanalyse stellt die Sinnfindung im eigenen Leben das primäre Bedürfnis des Menschen dar: welchen Sinn sehe ich in dem, was ich heute tue, in dem. was ich für dieses Jahr geplant habe, in dem Beruf, den ich gewählt habe, in meinem persönlichen Leben mit dessen gesamter Planung und Perspektiven?

Nicht selten hat der Arzt es mit Patienten zu tun, die klar Symptome einer Depression aufweisen, die aber auf gängige Antidepressiva in den letzten Jahren, welche auch zu einer Verbesserung der Compliance des Patienten bei der medikamentösen Behandlung der Depression führen, stellt sich für den Patienten die Frage, wie weit hier Faktoren das Krankheitsbild bzw. den Heilungsprozess beeinflussen oder behindern, die per se medikamentös nicht beeinflussbar sind.

Als einen solchen Faktor sah Viktor Frankl die „ungelöste Sinnfrage“ an.

Wenn der Mensch auf diese Fragen keine befriedigende Antworten findet, wenn demgemäß die „Sinnfindung“ bisher unbefriedigt verlief, sucht er nach „Ersatzbefriedigung“, um die innere Leere, die aus dieser missglückten Sinnsuche resultiert, zu übertönen.

Diese innere Leere, die psychisch als sehr unangenehm wahrgenommen werden kann, bezeichnete V. Frankl als „existentielles Vakuum“, ein Zustand, der im Leben eines jeden Menschen phasenweise auftreten kann und an sich noch keine Psychopathologie darstellt, sondern einen normalen Faktor adaptiver Prozesse.

Werden die brennenden Sinnfragen im Leben des Betreffenden von ihm aber nicht gelöst, so dass dieser Zustand über längere Zeit anhält, kann er aber pathogenetisch bedeutsam werden.

Wenn z. B. der Alltag zur Routine wird, sich der Mensch fragt, wozu er morgens aufstehen soll, um den üblichen Existenzkampf erneut aufzunehmen, wenn die berufliche Tätigkeit nur mehr als belastend empfunden wird, wenn der private Bereich hauptsächlich als Pflichterfüllung empfunden wird, wenn die Freizeit-gestaltung von Langeweile übertönt ist – dann kann dies daran liegen, dass in Ausführung und Erleben von all dem kein Sinn gesehen wird. Die Folge ist oft das Absinken in Frustration oder das Abgleiten in Suchtverhalten oder exzessiven Konsum, wobei das entstandene Frustrationsgefühl mit diesen Ersatzlösungen nur für kurze Zeit übertönt, aber nicht auf Dauer befriedigt werden kann.

Ein langzeitig anhaltendes „existentielles Vakuum“ kann schließlich in einen seelischen Leidenszustand münden, den Frankl als „noogene Depression“ bezeichnete, in Anlehnung an sein Betrachtungsbild des Menschen als dreidimensionales Wesen, aufgespannt zwischen der körperlichen (biologischen), der seelischen (psychologischen und geistigen (noetischen) Dimension.

Die geistigen Dimension definierte Frankl als (im Gegensatz zu Tieren) spezifische menschliche Ebene, in der das Wertesystem des Menschen beheimatet ist, aber auch die Spiritualität des Menschen und die Frage nach dem Sinn in ein Leben (nicht zu verwechseln mit der philosophischen Frage nach dem Sinn des Lebens an sich). Weiters ermöglicht diese noetische Dimension dem Menschen, zu sich selber Stellung zu beziehen, zu sich selber quasi „auf Distanz zu gehen“, sich aus dieser (geistigen) Distanz selber zu betrachten und zu beurteilen.

Führt eine ungelöste Sinnfrage über die genannte Entwicklung zu einer „noogenen Depression“, erweist sich diese erwartungsgemäß gegenüber einer medikamentösen Therapie als weitgehend therapieresistent, d. h. es ist durch Psychopharmaka bestenfalls eine bescheidene Besserung der Symptomatik erzielbar da der Auslöser der Störung durch die medikamentöse Therapie nicht beeinflusst bzw. beseitigt wird.

In solchen Fällen schlug V. Frankl eine psychotherapeutische Intervention vor, die die Bearbeitung der (ungelösten) Sinnfragen in den Mittelpunkt des Interesses stellt. Dieser Interventionsform nannt er, in Anlehnung an das griechische Wort für Sinn (logos) Logotherapie. Das theoretische Übergebäude für diese Form der Psychotherapie bezeichnete er als Existenzanalyse.

Im Rahmen einer solchen „Logotherapie“ geht der Therapeut mit dem Patienten gewissermaßen auf „Sinnsuche“, d. h. er spürt im Gespräch mit ihm Sinnmög-lichkeiten in seinem Leben auf, lenkt den Blick auf bisher vielleicht zu wenig Beachtetes und regt zu neuen Sichtweisen an. Dabei wird die o. g. Fähigkeit des Menschen angeregt, zu sich selber Stellung zu beziehen und zu sich selbst „auf Distanz zu gehen“, um neue Perspektiven seiner selbst zu gewinnen. Diesen Vorgang der Stellungnahme zu sich selbst nennt man  „Selbstdistanzierung“.

Selbstdistanzierung

Über die geistige Dimension schrieb V. Frankl, dass sie der Bereich des Menschen sei, der per se nicht erkranken könne. Durch sie bleibt der Mensch auch im – psychischen – Krankheitsfall reflexionsfähig (zeitweise z. B. bei schweren Psychosen, kann der Zugang zu dieser Dimension „verschüttet“ sein, bleibt aber vom Wesen her erhalten.)

In der nervenärztlichen Praxis bestätigt sich dieses Konzept: auch bei schweren psychischen Belastungen bleibt der Mensch zumindest teilweise ansprechbar.

Bedeutung kommt dem auch im Umgang mit psychotischen Patienten zu. So können z. B. auch bei teilremittierter Psychose mit Patienten Vereinbarungen getroffen werden, die auf seinem Wertesystem beruhen, z. B. der Patienten willigt in eine Behandlung ein, weil er dem ausführenden Arzt vertraut, oder er „arrangiert“ sich mit inneren Stimmen und Bildern, in dem er z ihnen Stellung bezieht, ihre Aussage ironisch betrachtet, sich bewusst macht, dass diese Stimmen oder Bilder ihm nicht wirklich Schaden zufügen können, solange er ihnen „keine Macht gibt“.

Dieses Arrangement kann zu einem deutlichen Abbau von Angst vor diesen Stimmen und Bildern führen und damit zu einer Verminderung von Leidensdruck, besonders in solchen Fällen, in denen psychotische Symptome langfristig durch Psychopharmaka nicht vollständig zum Verschwinden gebracht werden können.

Eine weitere Möglichkeit der Anwendung der Prinzipien der Existenzanalyse besteht in der Nutzung des Prinzips das V. Frankl die „Trotzmacht des Geistes“ nannte: die Fähigkeit des Menschen, schwierigsten Bedingungen im Leben ein „trotzdem“ entgegen zu halten, ein „jetzt erst recht“.

Ein alkoholabhängiger Patient erzählte: „Bei einem Aufenthalt am Therapiezentrum X meinte Primarius Y zu mir: „Sie schaffen das sowieso nicht, sie werden sicher weiter trinken.“ Der Umstand, dass der Arzt mich offensichtlich schon „abgeschrieben“ hatte, hat mich so geärgert, dass ich daraufhin mehrere Jahre „trocken“ blieb – rein um des diesem Primar „zu zeigen“.

Die o. g. „Trotzmacht“ halft dem Patienten, für mehrere Jahre sein Suchtverhalten zu überwinden obwohl aus ärztlicher Sicht seine Chancen auf Abstinenz gering schienen.

Ausgehend vom Konzept der geistigen Dimension leitete Frankl die „Einmaligkeit und Einzigartigkeit“ jedes Menschen ab und daraus dessen bedingungslose und unverlierbare Würde, welche auch im Krankheitsfall nicht verloren geht, auch nicht bei Verlust (oder bei von Anfang an mangelnder Entwicklung) kognitiver Fähigkeiten (bei Demenz oder Oligophrenie).

Nicht selten hat der Arzt es mit PatientInnen zu tun, die klar Symptome einer Depression aufweisen, die aber auf gängige antidepressive Medikation nicht anzusprechen scheinen.

Führt eine ungelöste Sinnfrage über die genannte Entwicklung zu einer „noogenen Depression“, erweist sich diese erwartungsgemäß gegenüber einer medikamentösen Therapie als weitgehend therapieresistent.

Dritte Wiener Schule

Der in Einheit gemeinte Begriff „Logotherapie und Existenzanalyse“ bezeichnet seit 1948 die „Dritte Wiener Schule“ der Psychotherapie. (Die erste Schule war die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die zweite die Individualpsychologie von Alfred Adler). Und die Dritte Wiener Schule der Psychotherapie, die Logotherapie und Existenzanalyse, erkennt ein geistiges Wesen im Menschen ein geistiges Wesen: Der Mensch ist von seinem geistigen Ursprung her vom Willen zum Sinn durchdrungen. Er ist auf Sinnrealisierung und Werteverwirklichung ausgerichtet. Diesem Menschenbild fühlt sich das Süddeutsche Institut seit seiner Gründung verpflichtet.

Logotherapie ist eine sinnorientierte Psychotherapie, eine Therapie durch Sinnfindung. Da sie den Akzent auf die menschliche Person legt, geht sie über die „Psyche“ hinaus. Logotherapie will das Geistige im Menschen ansprechen und seine Geisteskräfte mobilisieren.

Das Wort Logotherapie wurde zum ersten Mal im Jahr 1926 durch den Wiener Arztphilosophen Dr. med., Dr. phil. Viktor E. Frankl (1905 – 1997) geprägt. Er hat 1933 auch den komplementären Begriff Existenzanalyse kreiert. Diese ist die anthropologische Grundlage der Logotherapie, zugleich eine anthropologisch-philosophische Forschungsrichtung und auch eine diagnostische Praxis.

Logos heißt einmal Sinn und dann auch das Geistige: Der Mensch als Leib-Seele-Geist-Einheit und Ganzheit, als ein dreidimensionales Wesen, dem der „Wille zum Sinn“ ursprünglich innewohnt, sucht zunächst nach dem konkreten, dann aber auch nach einem letzten Sinn seines Lebens. Er fühlt sich in seinem Gewissen vom „Logos einer Situation immer wieder angerufen, den Sinn des Augenblicks zu entdecken und dem Sinn gemäß zu tun. Dadurch erfährt er ein Stück weit Heilung.

Existenz, in Anlehnung an die Philosophie von Sören Kierkegaard, drückt das dem Menschen arteigene Sein aus, das fundamental und wesentlich dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Mensch:

  • sich in Freiheit und Verantwortlichkeit so oder anders entscheiden kann
  • (sowohl für den Sinn als auch sinnwidrig)
  • sich von gegebenen Bedingungen distanzieren kann
  • sich selbst ein Stück weit verwandeln, sein Ego in Grenzen halten und über sich hinausgehen, also sich selbst transzendieren (sich selbst überbieten) kann.

In Frankls zehnter These zur Wirklichkeit der Person heißt es: „Die Person ist letztlich nur zu verstehen als Ebenbild Gottes“ (V. Frankl, Logos und Existenz. Drei Vorträge. Amandus Verlag 1951, siehe auch: D. Battyány/O. Zsok, Viktor Frankl und die Philosophie, Springer Verlag 2005).

Das heißt: Biologie, Psychologie, Gehirnforschung, Soziologie usw. bieten wichtige – vorbereitende – Verständnishilfen über das Menschsein. Doch das, was und wer der Mensch als Person ist, erschließt sich von der Transzendenz her. Die letzte Auskunft in Bezug auf seine ursprüngliche Identität wird dem einzelnen Menschen in seinem Gewissen zuteil.

Doch der Mensch hat sich im Alltag, in den je konkreten Situationen seines Alltagslebens zu bewähren, indem er physisch, seelisch und geistig den hier und jetzt leise rufenden Sinn [die „Stimme des Logos“] wahrnimmt und wahrmacht. In dieser Wahrnehmung spielt die harmonische Bündelung der Seelenkräfte eine große Rolle.

Die Logotherapie ist eine mit dem Geistigen rechnende besondere Form von Psychotherapie. In der Logotherapie werden die spezifisch geistigen Fähigkeiten zur Selbstdistanzierung und zur Selbsttranszendenz eingesetzt, wenn Neurosen und Depressionen zu überwinden und neue, personal verbindliche Werte aufzufinden sind.

Logotherapie geht davon aus, dass jeder Mensch ein sinnorientiertes Wesen ursprünglich ist, das ein ihm eigenes Wertgefühl besitzt. Lebt er nicht seine Werte und wird sein Wille zum Sinn auf Dauer frustriert, so gerät er in die innere Leere, in die dann verschiedene Fehlerlebnisse hinein wuchern: neurotische Störungen, Depressionen, Langeweile, Arbeitsunlust, Ängste und Phobien, Orientierungslosigkeit, nihilistische Gedanken oder auch übermäßiger Geltungsdrang, forciertes Luststreben, lähmende Trägheit, Süchte usw. Dem Zustand der inneren Leere, die ein Mensch kaum ertragen kann, wird das Streben nach Sinn und Sinnfülle als Kontrapunkt entgegengesetzt.

Den Logos in die Psychotherapie einbeziehen, heißt:

„Bei den Problemen, die dich quälen, schau hin auf jene nicht machbare, sondern zu entdeckende Sinnmöglichkeit, deren Verwirklichung dich weiterbringt. Es gibt einen transsubjektiven Sinn, der dich in der Krise angeht und deine besten Kräfte herausfordert. Mache ihn wahr und du wirst ein Stück weit Heilung erfahren. Du bist auf einen Sinn bezogen!

Die „Existenz in der Psychotherapie

Die Existenz in die Psychotherapie einbeziehen, heißt: „Du bist frei und auch verantwortlich für die Art und Weise, wie du deine Krise gestaltest. Deine Existenz ist nicht so wie das Vorhandensein eines Baumes oder eines Steines, sondern sie ist geistige Existenz, die sich expliziert, entfaltet, sich aufrollt und (weitgehend) frei verhalten kann, – trotz schicksalhafter Faktoren. Deine geistige Verantwortung kannst du auf niemanden abwälzen! Also gestalte und bestimme deine Situation mit nach einer Trennung, in der Krankheit, in der Zeit der Arbeitslosigkeit, nach einem schweren Schicksalsschlag. Denn du bist nicht Opfer, sondern Mitformer und Mitgestalter deines Lebens!

Anwendungsgebiete der Logotherapie sind: noogene (von geistigen Prozessen ausgelöste) Neurosen und Depressionen; psychogene Neurosen und psychosomatische Erkrankungen; endogene Psychosen (unterstützende Therapie) und unheilbare Krankheiten (in Form der ärztlichen Seelsorge oder der Sinnseelsorge); existentielle Frustration und Wertambivalenzen bzw. Wertkonflikte; Orientierungskrisen, Pathologie des Zeitgeistes und Traumafolge-Störungen.

Ärztliche Seelsorge oder Sinnseelsorge

Logotherapie ist außerdem  – in Form der Sinnseelsorge oder der ärztlichen Seelsorge – immer dann angezeigt, wenn es gilt, den Zustand quälender Trostlosigkeit zu beheben, der angesichts eines unabänderlichen Schicksals (z.B. Behinderung, Krankheit, Verlust eines geliebten Menschen etc.), oder auf Grund einer falschen Einstellung zum eigenen Leiden entstanden ist.

Deshalb widmet die Logotherapie in der vierjährigen Ausbildung zwei Semester dem „homo patiens“, also dem leidenden Menschen. Sie kennt aber nicht nur „die tragische Trias“ (Leid, Schuld und Tod), sondern achtet auch auf „das heitere Trio“ (Freude, Dankbarkeit und Humor). Auch zur Klärung der eigenen Lebens-Bilanz eignet sich die Logotherapie, vor allem von ihrer existenzanalytischen Form her, die im Grunde auf Erhellung der eigenen, persönlichen Existenz in ihren Sinnbezügen zielt. Es geht um die Weckung des ursprünglichen Sinnbewusstseins: Jederzeit und immer wieder neu wartet auf einen Menschen etwas Bedeutsames, Wertvolles und Wichtiges, auf ihn als diese einzigartige, einmalige und unwiederholbare Person, – die jeder ist. Und: Niemand kann dieses Etwas an seiner statt [so] verwirklichen wie er. Den Gesundungsprozess des Klienten unterstützt in hohem Maße der Sinnglaube, dass er nicht umsonst, sondern auf etwas, auf jemanden hin existiert; dass er bedeutsam ist; dass er selbst in seiner Unverwechselbarkeit urgewollt, von Anfang an geliebt und ursprünglich bejaht, und in seinem Innersten heil ist: »Ich im Licht« (vgl. Otto Zsok [Hr.], Logotherapie in Aktion. München: Kösel 2002).

Macht es doch praktisch einen wesentlichen Unterschied aus, ob jemand sein Menschsein als nur kränklich, psychisch schwach, schicksalhaften Faktoren und psychologischen Determinanten ausgesetzt und fatalistisch versteht, oder – trotz und neben den nicht zu leugnenden schicksalhaften Momenten – sein Menschsein im Geistigen auch heil und unversehrt empfinden kann, da der Geist gar nicht krank werden kann, lehrt Viktor Frankl. Zugleich betont er: Mit dem Geistigen ist die Freiheit und die Verantwortlichkeit „für“ konkrete Werte und „für“ einen Sinn, der mich angeht, von vornherein mitgegeben. Das zu erfühlen und zu begreifen, ist der springende Punkt.

Mit Blick auf die Anerkennung der Logotherapie (auf der Ebene der gesetzlichen Krankenkassen) darf mit Univ.-Prof. Dr. Jürgen Kriz gesagt werden: Es sei im deutschen Gesundheitssystem mehr als skandalös zu betrachten, wenn Gesundheitsbürokraten humanistische Ansätze der Psychotherapie –und somit eine gewünschte und notwendige Pluralität der Psychotherapien – abwürgen und abdrängen (vgl. Jürgen Kriz, Die Notwendigkeit einer sinnorientierten humanistischen Perspektive im Spektrum heutiger Psychotherapie-Diskurse. In: Existenz und Logos 15/2007, S. 45f.). In Österreich und in der Schweiz, um nur zwei Beispiele zu nennen, ist die Logotherapie seit Jahren schon anerkannt. Es gibt Gründe zur Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit auch in Deutschland die ihr zustehende Anerkennung (durch die gesetzlichen Krankenkassen) bekommt.

„Die 10 Gebote aus logotherapeutischer Sicht“

Die logotherapeuti­sche „Übersetzung“ der Zehn Gebote lautet:

  1. Gebot: Du sollst den Bezug zur Transzendenz nicht verlieren
  2. Gebot: Du sollst dir deine Empfänglichkeit für Werte erhalten.
  3. Gebot: Du sollst zeitweise innehalten zur Zwiesprache mit deinem Gewissen.
  4. Gebot: Du sollst deinen Eltern die Fehler, die sie an dir begangen haben, verzeihen.
  5. Gebot: Du sollst die Sinnhaftigkeit des Lebens bedingungslos bejahen.
  6. Gebot: Du sollst die Lust als Nebenwirkung eines Aktes der Liebe geschehen lassen.
  7. Gebot: Du sollst nur an dich und auf dich nehmen, was für dich gemeint ist.
  8. Gebot: Du sollst das zwischenmenschliche Leid in der Welt nicht vermehren.
  9. Gebot: Du sollst die Zusammengehörigkeit der Familie achten und bewahren.
  10. Gebot: Du sollst nicht ein Haben intendieren, sondern ein Sein.

(In: E. Lukas, Spirituelle Psychologie, München: Kösel Verlag 1998, S. 44f.)

Quellen

  • Lukas, E., Spirituelle Psychologie, München: Kösel Verlag 1998,
  • Süddeutsche Gesellschaft für Logotherapie & Existenzanalyse, D-82256 Fürstenfeldbruck

Kontakt:

GIP Gesellschaft  für Interdisziplinäre Psychologie mbH
D-75433 Maulbronn [AG], Wilhelmshöhe 1, Fon: 07043/ 9 525 34
D-68159 Mannheim, RG, HRB 712070, Email: info@gipgmbh.de

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer