Was wir mit unserem traditionellen Unterricht bis heute anrichten, bewirkt häufig ein nicht gewolltes Ergebnis: Stress. Stress macht aber irgendwann psychisch oder psychosomatisch krank.

Wie kommt es dazu? Bei psychosomatischen Erkrankungen handelt es sich z. B. um eine Schmerzentwicklung, eine Muskelverhärtung oder Bänder verlieren ihre Elastizität. Das Blut kann nicht optimal fließen, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Organe verschlechtert sich.

Das ist auch ein Gleichnis zur Situation an unseren Schulen und Ausbildungsinstitutionen: Diese machen Schüler, Lehrer und Eltern häufig krank. Für die Psychotherapie, Psychiatrie und Psychologische Medizin stellt sich die Aufgabe, die Ursache der Störung erkennbar und heilbar zu machen. Ist dies gelungen, folgen bei den Betroffenen Langzeitmaßnahmen.

Genau diese Langzeitmaßnahme sollte auch für die zukünftigen Unterrichtsmethoden selbst gelten.

Wir machen heute den Unterricht schwerer, als er sein müsste. Schauen wir einmal darauf, was nach der Schule und Ausbildung passiert: „Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen, laufen darauf hinaus, dass das Schulsystem einen Wirkungsgrad besitzt, der gegen Null strebt”, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch „Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt“.

Andererseits machen immer mehr Schüler Abitur und studieren anschließend, sodass sich der Druck auf Lernende extrem verlängert. Dabei zeigen Fakten, die vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag veröffentlicht wurden, dass nahezu die Hälfte der Unternehmer mehr Wert auf „gute persönliche und soziale Kompetenzen“ als auf schulische Leistungen legt: Für 71 % der Unternehmer und Personalchefs ist Teamfähigkeit die Kompetenz, die sie von Hochschulabsolventen erwarten”, heißt es in einer Veröffentlichung. „63 % der Unternehmen bezeichneten selbständiges Arbeiten/Selbstmanagement als Kompetenz, gefolgt von Einsatzbereitschaft (60 %) und Kommunikationsfähigkeit (59 %).” Sprich: Noten sind nicht verlässlich, nicht objektiv, nicht vergleichbar.

In der Psychotherapie und Psychiatrie sind wir natürlich nicht realitätsfremd. Deshalb wissen wir, dass der Großteil unserer heutigen Schulen durch den Gebrauch von Noten (z. B. für Benehmen oder Gehorsam) und einem defizitorientierten Umgang miteinander in diesen „Schlamassel“ selbst gerutscht sind.

Der positive erste Schritt wäre jetzt die Bereitschaft der älteren Generation, dass sie die Verantwortung für die heutige Problematik übernimmt: Sie hat es ja „zugelassen“

Der zweite Schritt wäre, dass Eltern und Kinder aufhören, sich gegenseitig „anzuklagen“.

Die vorherrschende Lernstruktur ist geprägt von permanenter Bewertung durch Noten, die Kinder nach Ziffern von 1 bis 6 einteilen.

  • Noten sind ein Auswahlkriterium,
  • Noten sind aber nicht verlässlich, nicht objektiv, nicht vergleichbar, und sie produzieren manchmal deshalb quasi „Versager.
  • Des Weiteren wird der Weg zum Abitur immer lernorientierter und damit in gewisser Hinsicht einfacher, weil immer weniger Bildung gefordert wird.
  • Noten werden den vielen Fähigkeiten und komplexen Lernentwicklungen von Kindern nicht gerecht.
  • Noten schüren den Konkurrenz-Geist, schaffen sozusagen Gewinner und Verlierer.
  • Lernende erleben Noten u. U. als etwas „Endgültiges“, an dem sie nichts mehr ändern können.

Es gibt deshalb keine dummen Schüler, aber es gibt eine falsche Leistungsbewertung.

Das Problem: Eine Fehlerorientierung und die gleichzeitige Entwicklung einer Beziehungskompetenz sind nicht konvertibel. Das Gegenteil ist der Fall: Eine Fehlerorientierung verhindert die Persönlichkeitsentfaltung.

Lernen benötigt deshalb, wie jede menschliche Entwicklung, verbindliche und vertrauensvolle Beziehungen, Ermutigung und Wertschätzung.

Dann entsteht Freude am Lernen. Diese Freude benötigen wir zudem, um auch schwierige Zeiten zu überstehen, wenn man Dinge tun muss, die man eigentlich nicht tun will.

Druck, Misstrauen und Kontrolle gehören zum Arbeitsalltag vieler Dozenten und Schüler oder Studenten (Untersuchungen sprechen von 60 % und mehr). Arbeitspsychologen wissen aber, dass dies pathogene Umstände sind. Man weiß auch, dass Unterricht immer nur so gut sein kann wie die Gesundheit und Motivation der Dozenten. „Jede Form von Druck führt immer zum Rückfall in bereits bewährte Strategien”, schreibt der Hirnforscher Gerald Hüther in einem Beitrag für die Zeitschrift Lernende Schule, „bisweilen sogar zu Reaktionen, die schon in der frühen Kindheit geprägt worden sind, und der – wenn es besonders eng wird – sogar zum Rückfall in anarchische (traumatische) Zustände führt“.

Unsere Unterrichtspläne fördern sozusagen „Bulimielernen“

Gesundmachende Umstände sind, Sinn in seiner Tätigkeit zu sehen, Selbstorganisation und -wirksamkeit zu ermöglichen, Handlungsspielräume und das Gefühl, nicht ausgeliefert zu sein, zu bewirken (statt auf ungute Weise kontrolliert zu werden).

Unterrichtspläne bewirken das Gegenteil: Sie führen zum „Bulimielernen“. Prüfungen erfolgen, wenn sie angeordnet sind und nicht, wenn Lernende Wissensinhalte verstanden haben. Argumente, die man dazu hört, sind: „Ich kann ja nicht auf jeden Rücksicht nehmen. Wir brauchen Möglichkeiten zur Auswahl. Es können nicht alle studieren. Es muss auch schlechte Noten geben, wenn es gute gibt.“ In den Ausbildungseinrichtungen unterrichten immer mehr „Notenorientierte Dozenten“ – mit entsprechenden psychischen Konsequenzen für Lernende.

Klar ist: Mit Arbeitsgruppen und Vermeidungsstrategien schaffen wir das nicht. Wir „müssen Unterricht neu entdecken“. Kleine Korrekturen ändern nichts. Beweis dafür ist die Schulentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten an 80 % der Schulen. Diesen Veränderungsschritt bewältigen Schulen und Politiker nicht mehr alleine, Eltern müssen sich stärker einbringen.

Wozu ist Schulpflicht eigentlich da? In der Führung der Bundeswehr ist man z. B. zu der Einsicht gekommen, dass es unnötig ist, junge Menschen automatisch zum Militärdienst zu verpflichten oder gar zu zwingen.

Wenn man entsprechend mit dem „Pflichtdenken“ aufhört, gewinnt man mehr Verantwortung derer, die Interesse haben und man verliert lähmenden Gehorsam. Das hört sich wie ein guter Tausch an. Aber nur so wird man wie man ist und erreicht das, wonach man sucht.

Wir alle wissen, dass die einzelnen Noten später nichts mehr zählen. Wichtig ist, ob die Freude am Lernen geblieben ist. In Lebensläufen bzw. Bewerbungen steht stattdessen: „Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zum … abgeschlossen oder das Fach … studiert.“ Die einzelne Note ist wichtig, das Jahreszeugnis, sonst wenig.

Deshalb plädieren wir für Entspannung, auch in der Psychotherapie, der sich aus der Fehlentwicklung ergebenden Zwangsstörungen, Angststörungen oder depressiven Störungen. Nicht das Verhalten soll umgelernt werden, sondern die Beziehung zu Menschen soll neu geordnet werden.

Eine Bitte richten wir an die Eltern und an die Gesellschaft: „Hört mit diesem Druck auf, er hat nur schlechte Folgen für alle. Wenn Kinder in der vierten Klasse über eine 3 weinen und dann unter Druck gesetzt werden mit „Sonst schaffst du das Gymnasium nicht“, wenn sie unter Angst lernen und ihr Selbstwertgefühl über die Schule definieren, ist das eine Verletzung von Seelen. Deshalb sagen wir bildhaft: „Genießt euch in eurem Selbst, so wie ihr seid. Gute Noten sind nicht das alleinig Seeligmachende.“

Unser Lern- und Ausbildungssystem behindert eher individuelles und nachhaltiges Reifen. Man weiß, dass Dozenten ihre Möglichkeiten heute äußerst schlecht nutzen oder kaum Umstände schaffen, Möglichkeiten der Lernenden zu erkennen. Im Gegenteil: Ausbildung entfremdet heute Menschen von ihren kreativen Möglichkeiten.

Wir  treffen deshalb viele, die glauben, es gäbe nichts, was sie besonders gut könnten.

Wir behandeln Patienten, die keine Freude an dem haben, was sie tun – sie spulen einfach ihr Leben (depressiv) ab. Sie halten das Leben nur noch aus, anstatt es zu genießen und warten suchtartig aufs Wochenende. Das ist erlernt (oder eine von außen erzwungene Neurose, Zwangsneurose oder Angststörung). So sind diese Menschen aber nicht auf die Welt gekommen.

Aber wir treffen auch Menschen, die das lieben, was sie tun und sich nicht vorstellen könnten, etwas anderes zu machen.

Leider trifft das nur auf eine Minderheit zu. Dafür gibt es viele Erklärungen. Doch ein wesentlicher Faktor ist die vorherrschende Lernkultur. Auf eine bestimmte Weise entfremdet unsere Art, wie wir Ausbildung betreiben, viele Menschen von ihren eigenen Möglichkeiten und führen zu Angststörungen, Zwangsneurosen bzw. Zwangsstörungen und Depressionen.

Kreative Möglichkeiten sind oftmals in jedem tief vergraben. Wir brauchen also Schüler, Auszubildende oder Studenten und Lehrer, die mit uns nach diesen Möglichkeiten suchen, während unsere Eltern für unser emotionales Gleichgewicht sorgen. Lehrer brauchen Unterrichtspläne, die ihnen Freiräume ermöglichen. Und die Kultusministerien brauchen mehr Vertrauen in ihre Mitarbeiter und weniger Kontrolle derselben.

Gerald Hüther, Uli Hauser [2012]
Jedes Kind ist hoch begabt, wir müssen es nur erkennen. Jedes Kind hat vielseitige, wertvolle Begabungen.

Jirina Prekop, Gerald Hüther; [2006] Auf Schatzsuche bei unseren Kindern: ein Entdeckungsbuch für neugierige Eltern und Erzieher, Kösel, – 159 Seiten

Gerhard Roth [2015], Bildung braucht Persönlichkeit: Wie Lernen gelingt

Gerhard-Roth [1996] Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen.

Copyright: Erich Wolfgang Burrer, Prof. Dr. med, Arzt für Psychosomatische Medizin, Neurologie und Psychiatrie, Supervisor für Verhaltenstherapie und Psychoanalyse [BDP], 78073, Bad Dürrheim ||  PRIVATINUM.

Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer

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