Die Soziokybernetik

(im ärztlichen und und systemischen Dialog)

Unter Soziokybernetik wird die Anwendung systemischen Denkens und kybernetischer Prinzipien hinsichtlich ihrer Synergien in psychologischer, sozialer und organisatorischer Hinsicht von uns verstanden. Sich auf die Kybernetik in einer Behandlung zu stützen, heißt, sich auf Sichtweisen einzulassen, in denen sowohl erkenntnistheoretisches Denken und systemisches Verständnis, als auch ein praktisch-gestaltender Anspruch zum Ausdruck kommen.

Die Soziokybernetik stützt sich auf ein interdisziplinäres Verständnis in der psychologischen – und beratenden Medizin. In dem Zusammenhang ist auch das Coaching, die Mediation oder die Soziotherapie zu nennen, die in kommunikativer Hinsicht regelkreisförmige Abläufe zeigen.

Die Kybernetik als Wissenschaftsdisziplin zeichnet sich Bertalanffy zufolge dadurch aus, dass sie sich auf die Erforschung von Steuerungsmechanismen konzentriert und sich hierbei auf Information und Rückkoppelung als zentrale Konzepte stützt.

Während der Mathematiker Norbert Wiener die Aspekte der Steuerung und Kommunikation in naturwissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Zusammenhängen hervorhebt, definiert der Neurophilosoph Warren Mc Culloch die Kybernetik als eine Erkenntnistheorie, die sich mit der Erzeugung von Wissen durch Kommunikation befasst.

Stafford Beer sieht die Kybernetik als Wissenschaft der Organisation von komplexen sozialen und natürlichen Systemen.

Für Ludwig von Bertalanffy sind kybernetische Systeme ein Spezialfall von Systemen, die sich von anderen Systemen durch das Prinzip der Selbstregulation unterscheiden.

Ähnlich formuliert Walter Buckley, wenn er die Kybernetik weniger als Theorie verstehen möchte, sondern als den Rahmen und das Set von „Werkzeugen“, die in verschiedenen Forschungsfeldern angewandt werden können (damit auch in der Organisation und Kommunikation).

Der Philosoph Georg Klaus sieht in der Kybernetik eine fruchtbare erkenntnistheoretische Provokation.

Für Niklas Luhmann besteht die Faszination der Kybernetik darin, dass das Problem der Konstanz und Invarianz von Systemen in einer komplexen veränderlichen Welt aufgegriffen und durch Prozesse der Information und Kommunikation erklärt wird.

Für Heinz von Foerster ist Selbstbezüglichkeit das fundamentale Prinzip kybernetischen Denkens. Er spricht von Zirkularität und meint damit alle Konzepte, die auf sich selbst angewandt werden können, Prozesse, in denen letztendlich ein Zustand sich selbst reproduziert.

 W. Ross Ashby rückt nicht die Eigenschaften des Forschungsgegenstandes ins Zentrum, sondern seine Operationsformen:

„Sie fragt nicht „Was ist ein Ding“, sondern „Was tut es?“ (Ashby 1956).

Information ist die Basis, die für die Strukturbildung und damit für die innere Ordnung der Gesellschaft oder Umwelt verantwortlich ist.

Information beinhaltet Möglichkeiten, aus verschiedenen Alternativen auszuwählen. Auf Steuerungsversuche aus der Gesellschaft reagiert der einzelne Mensch mit seinen selbstorganisierenden Strukturen (zentrales Nervensystem,  Körper und Psyche) deshalb unvorhersehbar.

 Systemprozesse, insbesondere die Beziehung zwischen Systemen, ob Mensch oder Natur, werden als „informationelle Prozesse“ verstanden.

Angesichts des verstärkten Nachdenkens in der Öffentlichkeit, wie sich Organisation für humanistische Unternehmensführung ausarbeiten lassen und wie sich die tradierte Prozesse in eine soziobiologisch angemessene Richtung verändern könnte, ist die Soziokybernetik eine Hilfe.

Die Soziokybernetik empfiehlt sich als Ansatz, wenn es um interpersonelle Steuerungsinstrumente geht, etwa bei Veränderung einer zielorientierten Kommunikation durch Bewahrung wertschätzender Interaktion.

Sowohl über erkenntnistheoretische und soziologische Grundlagen als auch über die Nutzung von auf Information gestützter Kommunikation im Internet kann es gelingen, den Bezug von Information, Interaktion und Erkenntnis herzustellen

So wird es vermehrt möglich, Probleme der Kommunikation und Gesellschaft  mit kybernetischen Verfahren zu erfassen. Mit wachsendem Erfolg werden die neuen Methoden deshalb auch in Bereichen der Sozialwissenschaft z.B.. angewandt (Simulation sprachlicher Prozesse z. B.).      Jene sind aber immer auf das Wissen um menschliche Bedürfnisse und Rechte angewiesen, bzw. die Würde menschlichen Seins, ohne das die besten Modelle leer bleiben.

In umgekehrter Richtung lassen sich deshalb Veränderungen beobachten, in der die Nutzung gemeinsamer Sprache und  – Beziehungsmodelle Eingang findet. Kommunikation ist deshalb ohne menschliche Beziehung (siehe auch Psychoanalyse und humanistische Psychologie), ohne Berücksichtigung innerseelischer Prozesse und ohne kybernetisch geprägte Erkenntnistheorie nicht denkbar.

Auf dem Feld des Software-Engineering beispielsweise hat der Einfluss psychodynamischen und neokybernetischen Denkens dazu beigetragen, naive Vorstellungen über die Beobachtung und Modellierung sozialer Beziehungen zu überwinden und durch neue Methoden auf der Basis einer konstruktivistischen Erkenntnistheorie zu ersetzen.

Die Erkenntnistheorie verfolgt zwei Ziele:

  • Zum einen sollen die Natur, der Ursprung und der Umfang menschlicher Erkenntnis aufgeklärt werden – Prinzip der Ursache –
  • Zum anderen soll die Möglichkeit von Erkenntnis erklärt und verteidigt werden – Prinzip der Argumentation

Bei der ersten Aufgabe wird vorausgesetzt, dass Erkenntnisfähigkeit (der Gesprächsteilnehmer) besteht. Bei der zweiten wird auf Zweifel an der Möglichkeit von Erkenntnis (argumentativ) reagiert.

Innerhalb der analytischen Erkenntnistheorie unterscheidet man sieben Themengebiete:

Ein Themenkomplex betrifft die Frage nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Aussage kognitiv und emotional erfasst wird. Schon seit der Antike wird Wissen mit wahrer, begründeter Meinung identifiziert. Die leitende Frage lautet: Wie gut müssen die Gründe für meine Meinungen sein, damit ich etwas weiß?

Quelle:

 

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer