Soziotherapie

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1. Das wichtigste in Kürze

Soziotherapie soll durch Motivation und Training psychisch kranken Menschen dabei helfen, dass sie psychotherapeutische und ärztliche Leistungen selbstständig in Anspruch nehmen können. Sie soll eine Krankenhausbehandlung vermeiden oder verkürzen. Minderjährigen kann sie nur in Ausnahmefällen verordnet werden.

2. Ziel

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen benötigen in der Regel ärztliche und psychotherapeutische Hilfe. Diese Hilfe richtig in Anspruch zu nehmen fällt ihnen jedoch oft schwer. Soziotherapie kann sie dabei cotherapeutisch unterstützen und ist in diesem Sinne eine psychotherapeutische Handlung.

Es geht vor allem um

  • die Einsicht in die Notwendigkeit psychotherapeutischer/ medizinischer Leistungen,
  • das Verstehen der Behandlung,
  • den Austausch von Einzeltherapeut mit Soziotherapeut und Gruppentherapeut
  • sie Motivation und Bereitschaft zur Inanspruchnahme dieser Leistungen,
  • die Organisation und Koordination der notwendigen Maßnahmen und deren zeitliche Planung,
  • therapiegerechte, selbstständige Einnahme von Medikamenten und
  • Förderung der Kontaktfähigkeit und sozialen Kompetenz.

3. Leistungsinhalt

Folgende Leistungen werden in der Regel vom Soziotherapeuten erbracht:

  • Erstellung eines Betreuungsplans: Gemeinsam mit dem verordnenden Arzt und dem Patienten werden z.B. die Diagnose, die Therapieziele und -maßnahmen festgehalten.
  • Koordination der Therapiemaßnahmen: Der Soziotherapeut stimmt gemeinsam mit dem Patienten die ärztliche/psycho-therapeutische Behandlung ab. Er kann d. Patienten/in während der Behandlung begleiten und aktiv helfen oder, wenn möglich, zur Selbstständigkeit anleiten.
  • Arbeit im sozialen Umfeld: Analyse der häuslichen, sozialen und beruflichen Situation des Patienten sowie Einbeziehung seiner Familie und Freunde.
  • Soziotherapeutische Dokumentation: Der Soziotherapeut dokumentiert die durchgeführten Maßnahmen (Umfang und Art), den Behandlungsverlauf und die bereits erreichten und noch verbleibenden Therapieziele.
  • Je nach den Bedürfnissen des Patienten können zudem fol-gende Leistungen erbracht werden:
    • Training, um Motivation, Belastbarkeit und Ausdauer zu verbessern.
    • Training zur handlungsrelevanten Willensbildung, z.B. Unterstützung bei Verhaltensänderungen, Konfliktbewältigungen sowie Übungen zur Tagesstruktur und zum planerischen Denken.
    • Anleitung, um die Krankheitswahrnehmung zu verbessern und Krisen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
    • Hilfe in Krisensituationen, um eine Verschlechterung der Krankheit bzw. der sozialen und wirtschaftlichen Situation des Patienten zu vermeiden.

4. Voraussetzung

Für die Verordnung von Soziotherapie müssen folgende Voraussetzungen vorliegen:

  • Durch die Soziotherapie wird eine Krankenhausbehandlung verkürzt. Soziotherapie ist auch möglich, wenn teilstationäre Krankenhausbehandlungen erfolgen.
  • PatientInnen müssen die Therapieziele erreichen können. Deshalb sollte er über die hierzu notwendige Belastbarkeit, Motivierbarkeit und Kommunikationsfähigkeit verfügen und in der Lage sein, einfache Absprachen einzuhalten.
  • Es muss ein Therapieplan vorliegen, der die Elemente und Ziele der Soziotherapie beschreibt und zwischen dem verordnenden Arzt, dem/r PatientIn sowie dem soziotherapeutischen Leistungserbringer abgestimmt ist.
  • Die PatientInnen müssen volljährig sein, außer eine Begleitung dieser durch Sorgeberechtigte oder andere Personen zum/r Ärztin/ Arzt oder PsychotherapeutIn ist nicht gewährleistet.

Indikation

Eine Indikation ist vor allem bei Patienten mit psychischen Erkrankungen  (siehe Depressionen, Ichstörungen, Sucht, Emotional instabile Persönlichkeiten, Angststörungen) gegeben.

Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen können unter bestimmten Umständen ebenfalls Soziotherapie erhalten, vor allem bei einer Mehrfacherkrankung mit z.B. einer Suchterkrankung oder bei stark eingeschränkten Fähigkeiten.

Die Verordnung von Soziotherapie ist zudem möglich, wenn der Betroffene die notwendigen ärztlichen oder therapeutischen Maß-nahmen nicht selbstständig in Anspruch nehmen kann. Das ist in der Regel der Fall, wenn mindestens eine der folgenden Tage Einschränkungen in einem erheblichen Ausmaß vorliegt:

  • Störungen von Antrieb, Ausdauer oder Belastbarkeit, Einschränkungen des planerischen Denkens und Handelns oder des Realitätsbezuges sowie Unfähigkeit den Tag selbständig zu strukturieren.
  • Verhaltensstörungen mit eingeschränkter Kontakt- und fehlender Konfliktlösungsfähigkeit.
  • Verminderung der kognitiven Fähigkeiten (z.B. Konzentration, Merkfähigkeit, Lernleistung und problemlösendes Denken).

Schwierigkeiten beim Erkennen der eigenen Erkrankung sowie beim Überwinden von Konfliktsituationen und Krisen.

5. Verordnung

Soziotherapie dürfen bestimmte Berufsgruppen und Einrichtungen verordnen, die dazu berechtigt sind:

  • Fachärzte für Neurologie, Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Kinder- & Jugendpsychiatrie -psychotherapie Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- & Jugend-lichenpsychotherapeuten.
  • Ärzte mit Zusatz-Weiterbildung Psychotherapie.
  • Institutsambulanzen an einschlägigen Kliniken und dort tätige Ä
  • Krankenhausärzte oder Ärzte in Rehakliniken für die ersten 7 Tage nach Entlassung.

Wenn ein Arzt die Soziotherapie nicht selbst verordnen kann, kann er den Patienten überweisen. Wenn er erkennt, dass der Patient aufgrund seiner psychischen Erkrankung diese Überweisung nicht wahrnehmen kann, kann er 5 Stunden Soziotherapie verordnen (Vordruck „Verordnung bei Überweisung zur Indikationsstellung bei Soziotherapie gem. § 37a SGB V“), damit der Patient motiviert wer-den kann, die Überweisung wahrzunehmen.

Soziotherapie muss (mit Ausnahme der 5 Probestunden) vorher von der Krankenkasse genehmigt werden (nicht genehmigungspflichtig  ist eine Soziotherapie während einer stationären oder teilstationären Behandlung).

Maßnahmen der Soziotherapie und Krankenpflege werden in der Regel nicht zeitgleich vorgenommen.

Ausnahme: Die Maßnahmen ergänzen sich aufgrund ihrer jeweiligen Zielsetzung. Diese Abgrenzung gegeneinander ist dann sowohl im Behandlungsplan der psychiatrischen Krankenpflege als auch im soziotherapeutischen Betreuungsplan darzulegen.

6. Dauer

Eine Soziotherapie umfasst 120 Stunden à 60 Minuten innerhalb von 3 Jahren je Krankheitsfall. „Krankheitsfall“ ist das Krankheits-geschehen, das eine einheitliche medizinische Ursache hat, z.B. eine nicht ausgeheilte psychische Erkrankung, die immer wieder zu Hilfebedürftigkeit führt. Die Stunden können in kleinere Einheiten aufgeteilt werden. In besonderen Fällen können auch Gruppentherapiestunden à 90 Minuten stattfinden.

Pro Verordnung dürfen maximal 30 Therapieeinheiten ausgestellt werden.

Vor der ersten Verordnung können bis zu 5 Stunden verschrieben werden, um die Therapiefähigkeit des Patienten abzuklären und um den Betreuungsplan zu erstellen. Diese Probestunden können maximal zweimal im Jahr stattfinden.

Die Soziotherapie endet früher, wenn der Patient die Therapieziele nicht erreichen kann oder diese vorzeitig erreicht.

7. Zuzahlung

Volljährige Versicherte müssen eine Zuzahlung (ambulant) von 10 % der kalendertäglichen Kosten der Soziotherapie leisten, jedoch mindestens 5 €, maximal 10 € pro Tag.

8. Richtlinien

Gemeinsamer Bundesausschuss

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern, Krankenkassen.

Aufgabe des G-BA ist, den gesetzlichen Rahmen auszufüllen und für die alltagspraktische Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben zu sorgen. Dabei konkretisiert der G-BA u.a., welche ambulanten oder stationären Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind, d.h. letztlich: Der G-BA bestimmt, welche Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden.

Wichtigstes Produkt der G-BA-Arbeit sind die Richtlinien. Sie gelten verbindlich für die Kassen, deren Versicherte, die behandelnden Ärzte und alle anderen Leistungserbringer, die mit den Krankenkassen abrechnen wollen. Darüber hinaus beschließt der G-BA Qualitätssicherungsmaßnahmen für das Gesundheitswesen. Alle derzeit gültigen Richtlinien des G-BA finden Sie unter www.g-ba.de > Informationen > Richtlinien.

Gesetzesquelle: § 92 SGB V

Der Gemeinsames Bundesausschuss hat zur Durchführung der Soziotherapie eine Richtlinie erstellt. Diese können Sie unter www.g-ba.de > Richtlinien > Soziotherapie-Richtlinie herunterladen.

9. Praxistipp Therapeutensuche

Gesetzesquelle: § 37a SGB

Quelle:

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer