Krankheit hat niemals nur eine Ursache. Schon die große Zahl der sich heute als psychosomatisch sich krank erlebenden Menschen zeigt, dass das Phänomen in hohem Maße aktuelle berufliche und gesellschaftspolitische Konstellation widerspiegelt.

Belastungen und Stressoren sind heute offenbar oft so konstelliert, dass sie von vielen Menschen auf Dauer nicht oder nur schlecht zu bewältigen sind:

Leistungsdruck, Verlassenheitsängste, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Kränkungen, seelische Traumatisierungen, eine Gleichsetzung von beruflichem Erfolg, z.B. hohem Einkommen mit Selbstwertgefühl, die Notwendigkeit in hohem Maße flexibel sein zu müssen bei gleichzeitigem Verlust sozialer Bindungen und Sicherheiten. (die Liste entsprechender, existenziell belastender Aspekte im Spannungsfeld gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen, ließe sich unschwer verlängern).

Gleichwohl gibt es Menschen, die auch in schwierigsten Konstellationen (beruflich/privat) relativ gut zu Recht kommen, etwa als Lehrer den Altersruhestand mit Elan erreichen – während andere in ähnlicher Situation sich von Anfang an als krank erleben. So gesehen resultiert Krankheit aus einer als solches wahrgenommenen, anhaltenden krisenhaften Diskrepanz zwischen individuellen Ansprüchen und Möglichkeiten (etwa mit Konflikten konstruktiv umzugehen) und den jeweiligen situativen Gegebenheit.

In den Extremen gibt es Menschen, die ohne (von außen betrachtet) als solchen erkennbaren Druck „ausbrennen“ und solche, die relativ hohe Belastungen eher als anregend erleben und gesund bleiben. Respektive gibt es berufliche Konstellationen, die auch ansonsten sehr labile Menschen als stützend erleben und zur kreativen Arbeit motivieren und solche, die derart durch Konflikte, Verunsicherungen und Kränkungen determiniert sind, dass sog. selbstsichere Menschen Gefahr laufen, in Stresssituationen zu geraten.

Die Hypothese, wonach es nur bzw. insbesondere besonders engagierte Menschen treffe, ließ sich empirisch nicht bestätigen. Auch diverse, psychosomatische Störungen als regelhaft ablaufenden Prozess zu sehen, sind nicht durch wissenschaftliche Befunde belegt.

Vielmehr wurde bei diesen Untersuchungen deutlich, dass Menschen sich hinsichtlich ihrer Muster u. Strategien, mit den Belastungen in Beruf und Privatleben umzugehen, deutlich unterscheiden – wobei es offenbar günstige und weniger günstige Strategien dieser Art gibt. Soweit man sich nicht konkret darum bemüht, Bewältigungsstrategien zu erweitern, bleibt die angelernte Konstellation, Probleme zu bewältigen, über die Zeit hinweg meist relativ stabil. So gibt es Personen, die sich durch hochengagierten Einsatz für ihren Mitmenschen erschöpfen. Solche Konstellationen sind jedoch keineswegs die Regel. Vielmehr sind Menschen, die sich bereits zu Beginn ihres Lebens eher überfordert sehen, prädisponiert, sich Jahre später als krank zu erleben.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer