„Jemanden vergessen wollen heißt an ihn zu denken“ oder „Was ist Unterbewusstsein“

Jeder von uns hat schon einmal versucht, etwas zu vergessen, was ihn belastet. Einige haben festgestellt, sie können es nicht und einige können es. Nach vierzig Jahren kommt jedoch das Gedächtnis auf einmal wieder in Gang und man erinnert sich an Dinge, die man geglaubt hat, vergessen zu haben. Der Mensch und damit das menschliche Bewusstsein versucht fortwährend, Dinge zu vergessen, die unangenehm sind. Das manchmal gut, da wir sonst ein Leben lang leiden. Wir müssen ablegen, besonders das was sehr belastend ist. Je mehr wir jedoch bestimmte und belastende Dinge vergessen wollen, desto mehr denken wir daran, nicht unbedingt bewusst, aber zumindest unbewusst. Das Unterbewusstsein vergisst nie oder wie man auch sagt: Der Körper vergisst nie, weil das Unterbewusstsein sich somatisch über das Organ „Gehirn“ und dieses über andere Körperorgane äussert.

Das Vergessen ist einerseits wichtig. Andererseits ist es zum Teil besser, man will nicht vergessen, sondern man lässt die Wirklichkeit zu oder die Erinnerung aufleben. Kinder die durch die Eltern angemessen geführt werden, können z.B. Dinge anschauen. Wenn Geschwister sich streiten, Enttäuschungen stattfinden oder ältere Kinder Liebeskummer haben, gehen sie zu ihren Eltern – meist zur Mutter – und entlasten sich. Die Eltern besprechen das Geschehnis mit dem Kind, hundertmal, tausendmal, es muss deshalb nicht verdrängen oder vergessen, weil es die Wirklichkeit mit Hilfe der Eltern annimmt.
Dasselbe passiert auch, wenn wir beispielsweise unter einer Eigenart, die wir haben leiden. Möchten wir, dass diese Eigenart sich verliert und beendet wird, merken wir, es gelingt nicht. Schlechte Angewohnheiten wird man meistens auch durch noch so großes Bemühen nicht los. Je mehr man sich bemüht, z. B. wenig zu essen, weil man gerne ist oder z.B. wenig zu trinken, weil man gerne trinkt, wissen Sie, dass das meistens schief geht.

Je häufiger Sie sich zwingen zu vergessen, desto mehr denken Sie daran. Das kann jeder bestätigen, der nachts um zwölf an den Kühlschrank geht und noch schnell etwas zu sich zu nehmen, obwohl er sich den ganzen Tag vorgenommen hat zu fasten. Ich kann das leibhaftig beweisen, mir geht es so, deshalb habe ich mich gewissermaßen damit abgefunden, dass ich nicht mehr vergessen will, sondern dass ich dazu stehe und sage: Es gibt Dinge die sind so wie sie sind, man muss nur schauen, dass man mit seinen Dingen die man hat, einigermaßen leben kann. Überraschenderweise ist dieses zwanghafte Vergessenwollen nicht mehr notwendig.
Oftmals ist es so, dass wenn Sie mit jemandem streiten, Sie sich vornehmen, es nicht mehr zu tun. Das geht einige Tage gut. Auf einmal bricht es durch, weil man verschiedene Dinge auf der Zunge und der Seele brennen hat, die man loswerden muss. Je mehr man versucht diese zu verdrängen, da man in der Ehetherapie gehört hat, man soll nett zueinander sein, desto mehr denkt man an die unangenehmen Dinge. Unglücklicherweise ist es nicht so einfach, Vorsätze umzusetzen. Insofern entladen sich Probleme oftmals in extremen Kon-flikten und destruktiven Auseinandersetzungen.

Die Verleugnung des Konflikts führt dazu, dass der Konflikt erst eskaliert. Genau das ist der Grund, warum jemand, über den wir uns besonders ärgern, eines erreicht hat: Wir denken ständig an ihn. Das ist auch der Punkt, warum Männer immer wieder bei Frauen Erfolge haben, obwohl diese sich über jene ärgern. Sie wollen den Männern endlich zeigen, dass sie im Recht sind. Bei dieser Gelegenheit müssen sie die Männer überzeugen, dass diese im Unrecht sind. Am Schluss heiraten beide. So kann der Versuch, etwas zu vergessen, oft genau zum Gegenteil führen. Wir denken besonders daran.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Emotionen fließen, die Gedanken fließen, die Erinnerung fließt, wir können sie vergessen, wenn sie unwichtig ist. Wir können aber nicht mit Zwang oder mit Druck dazu beitragen, dass wir belastende Ereignisse nicht in unser Gedächtnis rufen. Gelingt es uns in diesen Fällen, dass wir verdrängen, haben wir nachher das Problem, dass sie wieder in irgendeiner Weise somatisch oder psychisch auftauchen. Wenn uns der Magen zeigt, dass wir seelische Schmerzen haben, uns die Galle vor Ärger überläuft oder der Kopf vor Wut platzt, dann wissen Sie, dass wir nicht vergessen, was wir verdrängt haben. Steigt der Blutdruck bis ins Unermessliche, dann scheint unsere Aggressivität oder Spannung auch ins Unermessliche zu steigen.

Dann wiederum ist es besser, man steht dazu und will nicht vergessen. Es tut sehr gut, wenn man sich nach einer seelischen Verletzung vorstellt, wie man seinen Chef mit einer Salve aus der Maschinenpistole erschießt. Das passiert natürlich nicht, aber es ist ein wirkliches Gefühl, zu dem man steht. In dem Moment, in dem man dazu steht, muss der Blutdruck nicht mehr steigen. Man muss auch nicht zu seinem Chef gehen, was viele machen, überwiegend wenn sie Psychotherapie gemacht haben und sagen: „Herr Direktor wir wollen doch die Dinge beim Namen nennen. Wir beide haben ein Problem.“ Das sollten Sie tunlichst nicht machen, weil ihr Direktor das nicht immer gerne hat. Er hat ohnedies oft unglaubliche Schwierigkeiten, seine Position zu verteidigen. Wenn er sich dann auch noch rechtfertigen muss, ist er überfordert. Sie selbst können aber zu sich sagen: „Ich stehe zu meinem Gedächtnis, ich stehe zu dem was ich denke und fühle. Ich empöre mich, weil ich ein Ich habe, und ein Selbst.“

Empörung heißt nicht, dass wir siegen, überhaupt nicht. Empörung heißt lediglich, dass wir die Realität zur Kenntnis nehmen, so wie eine Überschwemmung oder wie einen Blitz und Donner. Wir wissen es ist so, es ist nicht gut, aber wir müssen nicht mehr verdrängen.

Was ich damit ausdrücken möchte: Sofern es Ihnen gelingt, die Dinge beim Namen zu nennen, ist es sinnvoll, es zu tun. In der Therapie gelingt es leichter, da man neutrale Perso-nen vor sich hat, die der Schweigepflicht unterliegen. Zu Hause sollte es wir das Beichten nach Möglichkeit vermeiden, besonders beim Partner, dem man gerne sagen würde, dass man z.B. die Scheidung einreichen will. Das führt nicht zu liebevollen Wortwechseln. Sie müssen verstehen, dass der Partner in der Beziehung keine Kraft hat, Ihre Phantasien auszuhalten. Einfacher ist es, wenn sie Vater und Mutter sind und das Kind mit vier Jahren Ihnen sagt: „Papi da ist der Müllwagen und da kommst Du rein“. Ich habe dann meinem Sohn gesagt: „Ja und dann?“ „Dann kommst Du nicht mehr zurück.“ Dann habe ich als Vater innerlich geschmunzelt, weil ich wusste, klein Ödipus lässt grüßen. Und ich habe gute Miene zum Spiel gemacht. Mir war klar, das ist sicherlich nicht böse gemeint, das sind einfach Bedürfnisse eines Kindes, dem großen Vater zu sagen, dass dieser klein ist und dass die Mama stark ist. Denn nur mit dem einen Elternteil kann das Kind fiktiv das andere Elternteil neutralisieren oder eliminieren.
Das ist das Prinzip der Triangulierung oder das Prinzip der ödipalen Befreiung. Haben wir keine dritte Person in der Familie, können wir uns sozusagen den Lehrer ausleihen, wir können uns auch eine Schauspielerin als dritte Person gedanklich ausleihen oder irgendjemanden, mit dem wir uns fiktiv befreien und sagen: „Der ist prima, mit dem habe ich endlich meiner Mutter oder meinem Vater gezeigt, dass sie oder er keine Macht mehr über mich hat.“

Jeder von Ihnen, auch ich, kennen Triangulierung, weil wir sonst nicht problemlos erwachsen geworden wären. Sie haben sicherlich auch einmal für jemanden geschwärmt, vielleicht einen Dichter gehabt, den Sie bevorzugt haben und durch den Sie Ihre Eltern relativiert haben. Mit solchen Personen oder deren Gedanken können wir uns innerlich retten. Es ist Triangulierung, die uns hilft, vermeintlich Bedrohliches zu relativieren. So müssen wir nicht immer verdrängen oder versuchen, zu vergessen.

Wir müssen also lernen, Dinge langsam anzunehmen und nicht nur zu verdrängen. Es ist nichts schlimm daran, dass wir Menschen sind wie wir sind. Schlimm ist, dass in der ganzen Gesellschaft vieles tabuisiert wird. Wir haben so viel Unglück und Leid auf dieser Welt und trotzdem wird es tabuisiert. Es wäre niemals zu dem Fundamentalismus gekommen, wenn die Amerikaner nicht Meister des Verdrängens gewesen wären. Scholl-Latour hat vor vielen Jahren einmal gesagt, was der Westen falsch macht. Dennoch hat es ein Präsident der USA oder wer auch immer nicht nötig gehabt, die Bücher von Scholl-Latour zu lesen. Dort steht wie man mit Arabern, d.h. mit Moslems kommunizieren muss: Auf einer Ebene, nicht von oben herab, wie sie es manche Politiker jetzt wieder in Russland versuchen. Mag Putin sein wie er will [ich bin kein Befürworter seiner Politik, die sicher intern einen kriminellen Charakter hat]. Aber er ist eine Realität. Diese Realität kann man nicht damit bekämpfen, dass man sie in ihrer Ganzheit nicht zur Kenntnis nimmt. Der größte Feind muss am besten behandelt werden, nur so kann man sich mit ihm in einen Dialog begeben. Ob man siegt oder nicht, das wissen die Götter, aber man hat zumindest die Wirklichkeit gesehen und begriffen, dass sich kein „mächtiger Mensch“, schon gar nicht wenn er Putin heißt, gefallen lässt, dass er von einem „ohnmächtigen Präsidenten der USA“ etwas sagen lässt. Für Herrn Putin ist ein Herr Barroso, ehemaliger EU-Kommissionspräsident, letztlich nur eine Person, die kommt und geht, auch weil er weiß, dieser hat eigentlich nichts zu entscheiden. Solche Politiker äußern sich sehr arrogant über Realitäten, als ob diese nicht bestehen, jedenfalls nicht in der Deutlichkeit. Ich betone, ich bin nicht der Meinung, dass das, was in Russland läuft gut ist. Aber wir müssen die Wirklichkeit anschauen. Nur wenn man den anderen in seiner Wirklichkeit abholt und mit ihm über seine Wirklichkeit spricht, ist er in der Lage, es vielleicht zu ändern. So ist es in einer Ehe weniger bedrohlich, wenn eine Frau dem Partner sagt: „Gell, ich verstehe ja, dass Du am liebsten manchmal mich verlassen würdest“ und dieser sagt: „Ja“. Dann sagt sie wieder: „Ja aber ich will dich behalten, weil ich dich liebe“

An diesem Punkt ist die Wut, die Wirklichkeit und das Verzeihen mit eingebaut. Jede Frau und jeder Mann weiß, dass es gedanklich keine Monogamie gibt. Gedanklich sind wir meist
polygam, wir Männer sicher, die Frauen in gewissem Sinne auch [sonst hätten verheiratete Männer oder Frauen nicht die Möglichkeit zu verführen].

Das heißt nicht, dass ich der Meinung bin, dass es gut ist, wenn man macht, was man will. Das wäre so wie wenn ich sagen würde, es ist gut, dass man einen Menschen Leid zufügt oder einen Diebstähle begeht. Es heißt nur, dass es möglich ist und dass man nicht so tun kann, als ob es nicht passieren könnte. Sonst machen wir es wie diese Menschen, die die Wirklichkeit zur Sünde erklärt haben und sie damit tabuisiert haben. Wie soll mir ein Mensch erzählen, was für ein Problem er hat, wenn ich ihm gleich von vorne herein sagen, dass das, was er mir erzählt, eine Sünde ist. Wie soll einer Probleme, die er mit sich hat bewältigen, wenn er von vorne herein hört, dass seine Probleme negativ betrachtet oder beurteilt werden und er ein Sünder ist. Wie soll jemand sich ändern, wenn man ihm vorher immer klar macht, dass er eigentlich ein Versager ist.

Das ist der Grund warum vieles schiefgeht. Wir wollen vergessen, verdrängen und so tun als ob, anstatt liebevoll zu sagen: „Ich weiß, dass Du bist wie Du bist, aber ich habe Dich trotzdem lieb.“

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer