Somatische Erkrankung

Die zwanghafte Angst, somatisch krank zu sein (hypochondrische Störung), bleibt oft undiagnostiziert. Patienten mit einer hypochondrischen Störung benötigen nicht nur eine extrem zeitintensive Betreuung, sondern verursachen vermutlich auch hohe Mehrkosten durch wiederholte Untersuchungen und ihre Therapieresistenz.

Oft vergehen bis zu zehn Jahre, bis die Störung diagnostiziert und Betroffene behandelt werden. Häufig wird Hypochondrie unterschätzt: Sie ist aber eine ernstzunehmende Erkrankung. Insbesondere wegen Miterkrankungen (Komorbiditäten) wie einer Depression oder Angststörungen ist es von großer Bedeutung, dass die hypochondrische Störung möglichst früh erkannt und gezielt behandelt wird.

Kriterien einer hypochondrischen Störung
Ängste führen auch zu Schmerzen
Tipps
Besprechen Sie Ihre Befunde gemeinsam mit Ihrem Arzt
Lassen Sie Routineuntersuchungen durchführen
Lassen Sie Krankheitsbefürchtungen entkräften
Lassen Sie Ihr Verhalten widerspiegeln
Hypochondrische Störung ist eine Zwangsstörung
CALM-Modell
Kriterien einer hypochondrischen Störung

Anhaltspunkte für eine behandlungsbedürftige Störung können laut der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) sein:

  • Überzeugung, an fortschreitenden Erkrankungen zu leiden (z. B. Krebs, Herzinfarkt oder Demenz)
  • Körperbezogenes Kontrollverhalten (Body-Checking)
  • Starkes Rückversicherungsverhalten (Ärzte, „Dr. Google“ und Familie)
  • Vermeidungsverhalten und Katastrophisierung
  • Leistungseinbußen im Beruf und Alltag
  • Abnahme der Lebensqualität

Bestehen die oben genannten Verhaltensmuster länger als ein halbes Jahr, so leiden Sie vermutlich unter einer zwanghaft geprägten Angst, körperlich krank zu sein. Vorübergehende hypochondrische Ängste kennen viele Menschen (nach Herzinfarkten, Nahtod-Erlebnissen oder nach dem Verlust von Familienmitgliedern) – vielleicht sind Sie auch in einem medizinischen Beruf tätig, beispielsweise zu Beginn der Ausbildung.

Ängste führen auch zu Schmerzen

Ängste bei der hypochondrischen Störung können sich auch als somatische Beschwerden wie Schwindel oder Schmerzen äußern. Es gibt auch Betroffene, die sich gewöhnlich nicht mit Krankheiten beschäftigen. Sobald sie jedoch im Fernsehen beispielsweise eine Dokumentation über Ebola sehen, wird die Angst gesteigert (getriggert) und umgehend ein Arzt aufgesucht.

Tipps

Patienten mit extremer Angst, körperlich krank zu sein, bringen Ärzte oft an ihre Grenzen. Doch was tun, wenn alle Befunde negativ sind, und Sie zum wiederholten Male wegen einer selbst diagnostizierten, potenziell tödlichen Erkrankung in die Sprechstunde kommen und Sie Dr. Google mehr vertrauen als Ihrem Arzt?

Besprechen Sie Ihre Befunde gemeinsam mit Ihrem Arzt

Nehmen Sie sich Zeit, um Vorbefunde und Befunde in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre zu besprechen. Lassen Sie sich am Ende des Gesprächs ein Fazit geben. So verdrängen Sie negatives, dass Sie im Laufe des Gesprächs herausfiltern.

Lassen Sie Routineuntersuchungen durchführen

In regelmäßigen Abständen sollten zeitlich begrenzte Termine (z. B. 1 x monatlich für 15 Minuten) erfolgen: So staut sich bei Ihnen keine Angst auf. Stattdessen haben Sie Gewissheit und werden durch die Mitteilung der Befunde aus Ihrem negativen Gedankenspiel gerissen. Sie sollten dabei lernen, die Angst zwischen den Terminen auszuhalten. Ein gemeinsam erstellter Notfallplan (z. B. Entspannungsübungen, Joggen oder Krafttraining) oder die Verschiebetechnik (z. B. Aktivitäten wie Blumen gießen anstelle des Arztbesuches) können hierbei helfen. Auch die Gedankenstopptechnik – bei der Sie sich ein Stoppschild vorstellen, sobald Sie den Drang verspüren, den Arzt aufzusuchen oder im Internet zu recherchieren – ist hilfreich.

Lassen Sie Krankheitsbefürchtungen entkräften

Mit einer fokussierten Psychotherapie oder einer Verhaltenstherapie können Krankheitsbefürchtungen entkräftet werden – aber auch Sie selbst können versuchen, negative Gedankengänge zu durchbrechen. Erlauben Sie es, Ihre Krankheitstheorie zu hinterfragen und Ihre Ängste loszulassen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf äußere Dinge, weg von den negativen Gedanken und relativieren Sie Dinge, indem Sie sich kausale und plausible Zusammenhänge aufzeigen und alternative Erklärungen für Ihre Beschwerden geben lassen.

Lassen Sie Ihr Verhalten widerspiegeln

Betrachten Sie Ihr extremes Sicherheitsverhalten und stellen Sie sich die Frage, ob Sie wirklich so weiterleben möchten. Falls Sie sich für die Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Hilfe entscheiden, brauchen Sie Unterstützung und Ihren Arzt, der Sie begleitet.

Hypochondrische Störung ist eine Zwangsstörung

Die hypochondrische Störung wird derzeit noch zu den undifferenzierten psychosomatischen Störungen gezählt. Doch künftig soll sie unter die Zwangsstörungen fallen. „Der Gedanke an meine gute Verdauung reichte, um sie zu verlieren“, sagte Franz Kafka. Wenn Sie somatisieren, suchen Sie meist zwanghaft wegen Kleinigkeiten eine Praxis auf. Sie versichern sich immer wieder, ob alles in Ordnung ist.

Halten Sie sich vor Augen, dass Sie unter Leidensdruck stehen. Deshalb besteht auch Ihr innerer Zwang, Ihren Arzt aufzusuchen. Er kann Ihnen sachlich und professionell im Gespräch die zwanghaft geprägte Somatisierung erklären.

CALM-Modell

Wenn Sie zur Gruppe hypochondrischer Patienten zählen, die zu Aggressionen neigen, hat sich auch das CALM-Modell (Contact, Appoint, Look ahead, Make a decision) bewährt:

  • Stufe 1: Anerkennung Ihrer schwierigen Situation
  • Stufe 2: Emotionen (Wut/Ärger/Angst/Enttäuschung) ernst nehmen, verstehen und benennen
  • Stufe 3: Vorgehensweise der Heilung
  • Stufe 4: Entscheidung treffen

Zur nächsten Stufe wird im Rahmen der Konfliktdeseskalation erst dann übergegangen, wenn es erforderlich wird.

Vortrag: “Von der Angst, loszulassen”

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer