Somatopsychische und Neurologische Erkrankungen

„Gesundheit ist zwar nicht alles – aber ohne Gesundheit ist alles nichts“. Wie viel Wahrheit in dieser Lebensweisheit liegt, erkennt man erst, wenn der Körper schlapp macht. Eine Krankheit verändert nämlich das normale Leben. Arbeit, Sport, Ausgehen, Freunde treffen oder Hobbies nachgehen – alles was bisher für jemanden erstrebenswert war, ihm Freude bereitete und sein Leben ausfüllte, kehrt eine Krankheit schnell in ein anderes Licht. Etwas Husten, Schnupfen und ein wenig Fieber reichen schon aus. Der Kranke muss im Bett bleiben, um gesund zu werden und kann am normalen Leben nicht mehr teilnehmen. Meistens hält der Zustand nicht lange an. Mit ärztlicher Hilfe stehen Kranke schnell wieder im Leben und genießen in vollen Zügen, was sie kurzzeitig entbehren mussten. Wie aber ergeht es Menschen, wenn ihre Krankheit bleibt und ihnen für lange Zeit oder gar für immer ein normales Leben unmöglich macht?

Was sind somatopsychische Erkrankungen?
Was die Psyche verarbeiten muss
Beispiele für Krankheiten mit psychischen Folgezuständen
Häufige neurologischen Erkrankungen mit psychischen Begleitsymptomen
Parkinson (mit psychische Begleitsymptomatik)
Zerebralsklerose
Schlaganfälle komorbider ischämischer Ausprägung (Diagnostik)
Multiple Sklerose (mit psychische Symptomatik)
Virale Hirnhautentzündungen (Diagnostik im Vorstadium mit psychosomatischen Symptomen)
Epilepsie (mit psychischen Begleitsymptomen)
Kopfschmerzen und Migräne
Polyneuropathie (komorbide Störung)
Was sind somatopsychische Erkrankungen?

Viele Menschen, die über lange Zeit von ihrer Erkrankung begleitet werden, würden alles für ein gesundes normales Leben geben. Sie kämpfen nicht nur gegen ihre Krankheit, sondern müssen auch mit allen Problemen, die sich daraus ergeben, fertig werden. Einige quälen starke Schmerzen, andere werden durch ihre Krankheit mit dem Tod konfrontiert oder müssen mit einer Krankheit leben, die sie in der Gesellschaft zum Außenseiter macht. Diese Menschen entwickeln daraufhin sehr oft psychische Probleme. Neben den psychischen Folgeerkrankungen treten allerdings häufig auch weitere körperlichen Symptome auf, die weder mit der eigentlichen Krankheit noch mit anderen organische Ursache zu tun haben, wie z.B. Schwindel, Schlafstörungen, Magenprobleme, Müdigkeit und Erschöpfung. Erkrankungen, bei denen die Ursache körperlich ist, die aber zum Teil schwere psychische Folgesymptome haben, nennt man Somatopsychische Erkrankungen.

Was die Psyche verarbeiten muss

Die Betroffenen müssen Wut und Enttäuschung verarbeiten. Sie fragen sich vielleicht, warum ausgerechnet sie von dieser Krankheit betroffen sind. Manche fühlen sich hilflos angesichts ihrer Abhängigkeit von anderen Personen. Einige meinen, sie wären nutzlos oder wertlos, weil sie nicht mehr arbeiten können oder ihr Köper für viele schöne Dinge des Lebens keine Kraft mehr hat. Viele fühlen sich deshalb auch einsam und isoliert. Die Betroffenen entwickeln schwere Depressionen. Ängste, den Partner und Freunde zu verlieren, manifestieren sich. Die ungewisse Zukunft und die Angst vor dem Tod belastet sie ebenfalls schwer. Wenn der psychische Druck zu groß wird, greifen einige auch zu Tabletten, Drogen und Alkohol, verletzen sich selbst oder versuchen sich umzubringen.

Beispiele für Krankheiten mit psychischen Folgezuständen

Jede Krankheit hat eigentlich ihre psychische Seite. Wer krank ist, beschäftigt sich mit seiner Erkrankung und reagiert in irgendeiner Form auf sie. Das hat immer positive oder negative Effekte auf den Verlauf der Krankheit. Dennoch schenken Ärzte der Psyche eines kranken Menschen meistens kaum Beachtung und konzentrieren sich nur auf die Heilung des Körpers. Körpermedizin und Psychotherapie arbeiten immer mehr zusammen. Denn bei einigen Krankheiten hat sich gezeigt, dass wiederholt schwere psychischen Folgezuständen auftreten. Dazu zählen: Hautkrankheiten, rheumatische Erkrankungen

zahlreiche Schmerzstörungen und Autoimmunstörungen – wie Morbus Crohn, Morbus Bechterew und Multiple Sklerose. Generell ist die psychische Belastung für Patienten, die durch ihre Krankheit ihr Leben bedroht sehen, wie bei Krebserkrankungen oder AIDS, besonders hoch. Aber auch bei sexuelle Störungen und Unfruchtbarkeit kämpfen die

Patienten mit ihren Gefühlen und bekommen oft psychische Probleme.

Wer körperlich krank ist und Probleme hat, seine körperliche Gesundheit wieder herzustellen, sollte auf jeden Fall darauf achten, seine psychische Gesundheit nicht auch noch zu verlieren. Depressionen und Ängste berauben dem Kranken erst recht seiner Lebensqualität und mindern seine Kräfte für die körperliche Heilung. Den Kampf gegen die körperliche Erkrankung kann nur gewinnen, wer psychisch stark ist.

Weitere Beispiele „somatopsychischer Erkrankungen“:

  • Hauterkrankungen die die Seele belasten
  • Diagnose Krebs – Schock für die Psyche
  • Chronisches Schmerzsyndrom

Neurologische Krankheiten, die die Psyche involvieren (s.u)

Häufige neurologischen Erkrankungen mit psychischen Begleitsymptomen

Neurologen versorgen allein in Kliniken etwa eine Million Patienten pro Jahr. Sie behandeln Patienten mit Volkskrankheiten wie Polyneuropathie und Migräne, aber auch mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und autoimmunologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Die Schlaganfallbehandlung rückt in der Klinik immer mehr in den Fokus, weil es durch neue Therapiealternativen heute bessere Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Sie fragen sich, mit welchen Krankheitsbildern ein Neurologe beschäftigt? Hier finden Sie zehn wichtige neurologische Erkrankungen.

Parkinson (mit psychische Begleitsymptomatik)

Das idiopathische Parkinson-Syndrom ist mit einer Prävalenz von 100-200/100.000 Einwohnern in Deutschland eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Durch die älter werdende Gesellschaft ist mit einer steigenden Anzahl von komorbiden Parkinson-Erkrankungen zu rechnen. Die medikamentöse Therapie des Parkinson-Syndroms ist momentan symptomatisch. Kurative oder neuroprotektive Therapieansätze fehlen. Bei Parkinson-Patienten wird unter anderem der Gehirnbotenstoff Dopamin nicht mehr ausreichend produziert, dadurch kommt es zu Bewegungsstörungen. Typische Symptome dieser Krankheit sind Bewegungsarmut (Hypo- bzw. Bradykinesie), Muskelstarre (Rigor) und Zittern der Extremitäten (Tremor). Man unterscheidet das idiopathische Parkinson-Syndrom von Erkrankungen, die klinisch ähnlich sind, also z.B. auch mit Bewegungsverarmung oder einem Tremor einhergehen, aber andere Ursachen haben. Zu ihnen gehören beispielsweise die atypischen Parkinson-Syndrome mit psychischer Veränderung. Zudem können Parkinson-ähnliche Symptome auch medikamentös ausgelöst werden, z.B. nach Einnahme von Neuroleptika oder Antiemetika. Deshalb heißt es: Genau hinsehen!

Literatur

Eggert K.M, Oertel WH, Reichmann H: Parkinson-Syndrome – Diagnostik und Therapie: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/010) 2012.

Zerebralsklerose

auch: zerebrale Arteriosklerose Arterienverkalkung der Gehirngefäße.

Neben den Allgemeinsymptomen der Arteriosklerose, die bei Zerebralsklerose selten fehlen, finden sich Kopfschmerzen, Schwindel, Zittern der Hände, Vergesslichkeit, rasche

Ermüdbarkeit, erhöhte Reizbarkeit, manchmal Zeichen depressiver Verstimmung, in weit fortgeschrittenen Stadien auch Demenz. Es besteht auch eine erhöhte Neigung zu Schlaganfällen. Für die Therapie der Zerebralsklerose gelten im wesentlichen dieselben Grundsätze wie bei der Arterienverkalkung. Zusätzlich sind Präparate zur Förderung der Hirndurchblutung, mitunter auch zur seelischen Beruhigung angezeigt. In Deutschland erfolgt die Behandlung von ischämischen Insulten nach der Diagnostik bereits in der Frühphase durch Zusammenarbeit aller Behandlungsgruppen (Krankenschwestern und Pflegern, Logopäden , Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Ärzten).

Schlaganfälle komorbider ischämischer Ausprägung (Diagnostik)

Alle Schlaganfälle zusammen zählen zu häufigen Erkrankungen in Deutschland und zu den führenden Ursachen für erworbene Behinderung. Sie sind die dritthäufigste Todesursache in Deutschland mit ca. 63000 Todesfällen pro Jahr. Nach Abschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Schlaganfall weltweit die Todesursache Nummer Zwei mit geschätzten 5,5 Millionen Todesfällen pro Jahr. Von ischämischen Schlaganfällen (Insulten) sind vor allem ältere Patienten betroffen. Aufgrund des demographischen Wandels und der zunehmenden Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft mehr Schlaganfälle durch cerebrale Minderdurchblutungen mit psycho-kognitiver Beeinträchtigung behandelt werden. Die Behandlungsmöglichkeiten eines ischämischen Schlaganfalles haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Literatur:

Heuschmann P, Busse O, Wagner M, et al.: Schlaganfallhäufigkeit und Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland. Akt Neurol 2010; 37(07): 333–40.

Multiple Sklerose (mit psychische Symptomatik)

Die Multiple Sklerose (MS) und deren seltene Varianten, die Neuromyelitis optica, sowie die akut disseminierte Enzephalomyelitis, ist mit mehr als 120.000 Erkrankten in Deutschland die häufigste chronische ZNS-Erkrankung junger Menschen und die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Beim Krankheitsbild der Multiplen Sklerose werden Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark geschädigt. Dies geschieht durch eine fehlerhafte Immunreaktion, die zu einer Entzündung von Nervenscheiden führt. MS schreitet meist schubförmig voran und hat zunehmend Lähmungen, Störungen der Sensibilität aber auch Persönlichkeitsveränderungen zur Folge. Da die Nervenzellschädigungen überall im zentralen Nervensystem auftreten können, sind die Symptome individuell (auch psychisch) sehr unterschiedlich. Die medikamentöse Therapie ist vielfältig und zielt auf eine Reduktion der Schubfrequenz ab.

Literatur

Gold R: Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/050) 2014.

Virale Hirnhautentzündungen (Diagnostik im Vorstadium mit psychosomatischen Symptomen)

Die Patienten klagen wie bei der bakteriellen Meningitis über Benommenheit, Kopfschmerzen, Meningismus und hohes Fieber, die Symptome sind aber nicht sofort progredient (fortschreitend). Teils kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Bewusstseinsstörungen, epileptischen Anfällen und Verwirrtheitszuständen. Eine schnelle Diagnostik und Einleitung einer intensiven Therapie in einer Medizinischen Klinik ist enorm wichtig.

Literatur:

Pfister H: Ambulant erworbene bakterielle (eitrige) Meningoenzephalitis: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/089) 2012.

Epilepsie (mit psychischen Begleitsymptomen)

Die Epilepsie ist eine häufige neurologische und neuropsychiatrische Erkrankung. Es handelt sich dabei um eine Funktionsstörung des Gehirns, die gekennzeichnet ist durch eine erhöhte Anfälligkeit zur Generierung epileptischer Anfälle. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erleiden einmal im Leben einen epileptischen Anfall. Das Konzept der Definition einer Epilepsie erfordert jedoch das Auftreten von mindestens zwei unprovozierten Anfällen oder aber eines Anfalls in Verbindung mit Veränderungen des Gehirns, die für eine erhöhte Neigung für das Auftreten weiterer Anfälle sprechen. Etwa ein Drittel der Epilepsien treten erstmals jenseits des 60. Lebensjahrs auf; ein

Drittel beginnt bereits im Kindesalter. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Epilepsie zu erkranken, steigt daher aufgrund der epidemiologischen Altersentwicklung an.

Als epileptischer Anfall wird ein vorübergehender Zustand des Gehirns bezeichnet, bei dem es aufgrund einer pathologischen neuronalen Aktivität des Gehirns zu klinischen Symptomen kommt wie Schwindel, Benommenheit, psychische Veränderung, Anfälle oder Absencen. Die Präsentation eines Anfalls kann sehr unterschiedlich sein und ist von verschiedenen Faktoren abhängig wie der Lokalisation der Anfallsursprungszone, der Ausbreitungsmuster, der Hirnreifung oder strukturellen Veränderungen des Gehirns.

Ursachen für epileptische Anfälle können z.B. akute Hirnerkrankungen, Anlageanomalien oder eine genetische Veranlagung sein, Substanzmissbrauch und Substanzentzug kann zu akut symptomatischen Anfällen führen. So vielfältig also die Epilepsien sein können, so vielfältig ist auch die Behandlung dieser Erkrankung.

Literatur:

Elger CE: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/041) 2012.

Kopfschmerzen und Migräne

Die primären chronischen Kopfschmerzen sind eine Gruppe von Kopfschmerzen, die wegen ihres täglichen Auftretens zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führen. Kopfschmerzen sind häufig: Es leiden bis zu 70 Prozent der Bevölkerung an episodischen Spannungskopfschmerzen, zehn bis zwölf Prozent an einer Migräne, ein Prozent an Kopfschmerzen durch Medikamentenmissbrauch und vier Prozent an chronischen Kopfschmerzen.

Unter chronischen Kopfschmerzen versteht man solche, die über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten 15 Tage im Monat auftreten. Frauen leiden häufiger an chronischen Kopfschmerzen als Männer. Es besteht eine Komorbidität von chronischem Kopfschmerz mit Übergewicht, Diabetes und Arthrose.

In der Psychosomatik begegnet man Kopfschmerzarten wie der Migräne besonders häufig. Typische Merkmale der Migräne sind einseitige, pulsierend-pochende Kopfschmerzattacken. Sie werden häufig begleitet von Appetitlosigkeit, Übelkeit, Licht-und Lärmempfindlichkeit. In manchen Fällen können Missempfindungen der Haut, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen den Kopfschmerzen als Aurasymptomatik vorausgehen. Zu den Auslösern für einen Migräneanfall zählen Stress, bestimmte Nahrungsmittel oder auch hormonelle Schwankungen.

Literatur:

Straube A: Therapie des episodischen und chronischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp und anderer chronischer täglicher Kopfschmerzen: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in d. Neurologie 2015.

Polyneuropathie (komorbide Störung)

Polyneuropathien sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Zum peripheren Nervensystem gehören alle Teile, die außerhalb des Zentralnervensystems (bestehend aus Gehirn und Rückenmark) liegen: Motorische, sensible und autonome Nerven mit ihren Schwann-Zellen und ganglionären Satellitenzellen, bindegewebigen Hüllstrukturen sowie den versorgenden Blut- und Lymphgefäßen. Eine Aufgabe des Neurologen ist die Unterscheidung zwischen Polyneuropathien, Polyradikulopathien und der Mononeuropathia multiplex. Zur Abklärung einer Polyneuropathie gehört die Anamnese, die klinische Untersuchung, elektrophysiologische Untersuchungen und ein Standardlabor..

Literatur:

Heuß D: Diagnostik bei Polyneuropathien: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/067) 2012.

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer