Die Verhaltenssucht zählt zum Bereich der Impulskontrollstörung. Als substanzungebundene Abhängigkeit bzw. Verhaltenssucht werden in der Psychiatrie und Psychotherapeutischen Medizin jene Formen psychischer Zwänge und Abhängigkeiten bezeichnet, die nicht an die Einnahme von Substanzen – wie z. B. Alkohol, Nikotin oder anderer Drogen – gebunden sind.

Die Verhaltenssucht wird durch wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation gekennzeichnet, die nicht kontrolliert werden können und die meist die Interessen des betroffenen Patienten oder anderer Menschen schädigen. Betroffene berichten von einem impulshaften Verhalten. Die Abhängigkeit kann die Lebensführung beherrschen und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führen.

Beispiele für substanzungebundene Abhängigkeiten
Exzessive Verhaltensweisen
Physiologische Grundlage
Computersucht und Computerspielsucht
Fernsehabhängigkeit
Merkmale einer Fernsehabhängigkeit
Klassifikation als Krankheit nach ICD-10
Literatur
Beispiele für substanzungebundene Abhängigkeiten
  • Pathologisches Spielen (Glücksspielsucht)
  • Medienabhängigkeiten
    • Computerspielabhängigkeit
    • Internetabhängigkeit
    • Fernsehabhängigkeit
    • Handyabhängigkeit
  • Arbeitszwang
  • Beziehungssucht ist eine Form der abhängigen Persönlichkeitsstörung, die u. a. durch überstarke Trennungsängste, klammerndes und unterwürfiges Verhalten oder Angst verlassen zu werden gekennzeichnet wird.
  • Kaufzwang
  • Messie-Syndrom
  • Hypersexualität
  • Exzessives Sporttreiben

Teilweise werden auch Essstörungen als substanzungebundene Abhängigkeit aufgefasst.

Exzessive Verhaltensweisen

Der Begriff „Abhängigkeit“ bezieht sich streng genommen nur auf die stoffgebundenen Abhängigkeiten, bisher gibt es keine offiziellen Diagnosekriterien. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) nennt unter der Kodierung F63.- „Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“ exzessive Verhaltensweisen, die Merkmale einer psychischen substanzungebundenen Abhängigkeit aufweisen und von Betroffenen willentlich nicht mehr vollständig kontrolliert werden können.

Neben der Kodierung F63.- besteht die Möglichkeit der Einordnung in weiter gefasste Diagnosen

  • Zwangsstörung bei innerem Drang, bestimmte Dinge zu denken und/oder zu tun.
  • Störung der Impulskontrolle für einen Verhaltensablauf ohne vernünftige Motivation mit Handlungen, die nicht kontrolliert werden können und meist die Interessen des Betroffenen oder anderer Menschen schädigen.
Physiologische Grundlage

Laut Grüsser-Sinopoli leiden Betroffene unter psychischen Entzugserscheinungen, wenn sie an dem von ihnen exzessiv ausgeübten bestimmten Verhalten gehindert werden. Das exzessive Verhalten stimuliere das limbische System im Gehirn, wodurch Hormone wie Endorphine ausgeschüttet werden, was als angenehm erlebt wird. Die Verhaltenssucht werde dazu benutzt, unangenehme Gefühle wie Ängste und Frustration sowie Stress zu verdrängen und die Auseinandersetzung damit zu vermeiden. Auch dadurch ähnele eine Verhaltenssucht einer stoffgebundenen Abhängigkeit wie beispielsweise dem Alkoholismus.

Computersucht und Computerspielsucht

Die Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe der Berliner Charité hat im November 2005 eine Untersuchung angestellt, die die Parallelen der Computersucht und der Computerspielsucht zu stoffgebundenen Abhängigkeiten wie z. B. von Alkohol oder Cannabis darstellen sollte. Dabei wurden 15 computersüchtigen Personen Bilder verschiedener alltäglicher Gegenstände – auch von Schnapsflaschen, einem Joint, Zigaretten – aber auch Szenen aus Computerspielen, die den Untersuchten bekannt  waren, gezeigt. Mit Hilfe der Elektroenzephalografie, mit der man die elektrische Aktivität des Gehirns aufzeichnen kann, wurde beobachtet, dass bei den Abhängigen eine erhöhte Gehirnaktivität bei den Screenshots auftritt. Dieselbe Gehirnaktivität tritt beispielsweise bei Alkoholabhängigen beim Anblick der Schnapsflasche auf. Die Wissenschaftler der Charité fassten so zusammen, dass sich bei Computersüchtigen ähnliche Verhaltensmuster wie bei Alkohol- oder Cannabisabhängigen aufzeigten. In diesem Zusammenhang bietet der Verein Aktiv gegen Mediensucht e.V. ratsuchenden Mediensüchtigen und deren Angehörigen Hilfe an.

Fernsehabhängigkeit

Als Fernsehabhängigkeit bezeichnet man das zwanghafte Verlangen, Fernsehen zu schauen. Umgangssprachlich weit verbreitet ist der Begriff Fernsehsucht. Fernsehabhängigkeit ist eine Medienabhängigkeit, wobei als Alleinstellungsmerkmale der passive Konsum und der fehlende soziale Aspekt genannt werden müssen. Es existieren derzeit keine allgemein akzeptierten Diagnosekriterien zur Feststellung der Abhängigkeit.

Merkmale einer Fernsehabhängigkeit
  • Unruhe bis Unwohlsein, Aggressivität, Lustlosigkeit und Passivität, wenn kein Fernseher läuft oder es ruhig ist.
  • Sofortiges, reflexartiges Einschalten des Fernsehers, sobald man nach Hause kommt.
  • Fernsehschauen ohne vorherige Planung und Interesse an den Inhalten. Damit einher geht oft stundenlanges Zapping, also Durchschalten der Kanäle, ohne dass man etwas findet, was man sehen möchte und ohne dass man den Fernseher ausschalten kann.
Klassifikation als Krankheit nach ICD-10
  • F50 Essstörungen
  • F63 Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
  • 0 Pathologisches Spielen
  • 8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
  • 9 Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet
Literatur
  • Batthyány Dominik, Pritz Alfred (Hrsg.): Rausch ohne Drogen, Substanzungebundene Süchte. Springer, Wien/ New York 2009, ISBN 978-3-211-88569-7.
  • Grüsser Sabine M., Thalemann Carolin N.: Verhaltenssucht. Diagnostik, Therapie, Forschung. Huber, Bern 2006, ISBN 3-456-84250-3.
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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer