Von der Angst, loszulassen

Erich W. Burrer, 27.9.2017,

2. Fachtagung des Kurstiftes Bad Dürrheim

Wenn ich mich heute bei Ihnen mit dem Thema »Loslassen« auseinandersetze, spreche ich natürlich die Triebtheorie Sigmund Freuds an, genauer die vermeintliche Unvereinbarkeit von Loslassen, Todestrieb und Lebenstrieb an. Aber vielleicht ist es kein unvereinbarer Widerspruch.

Wir können nämlich nicht ohne weiteres leben, wenn wir nicht auch die Bereitschaft verinnerlicht haben, loszulassen und irgendwie auch zu sterben. Denn das Leben ist lebensgefährlich. Leben geht immer mit der Möglichkeit einher, dass wir uns verletzen, dass wir große Fehler begehen. Es geht mit der Gefahr einher, dass wir uns tödlichen Risiken aussetzen.

Loslassen war und ist das Risiko und die Angst im Lebens. Wir haben es nur vergessen, weil wir über Jahrzehnte vielleicht Glück hatten, leben zu dürfen und immer zu überleben.

Das war nicht immer so. Der Tod und die Angst loszulassen war bei unseren Urahnen nahezu ein täglicher Begleiter, sei es im Krieg, bei Hunger oder bei Krankheit. Nie konnte eine Mutter sicher sein, dass ihre acht Kinder überleben. Am Ende waren es vielleicht sechs, im schlimmsten Falle noch vier, die groß wurden.

Der Tod und das Loslassen war unser Begleiter, genau wie das Leben, wie die Aggression, die destruktiven Tendenzen und der Todestrieb. Für Überzeugungen, für Glaube, für Ideale sind wir Menschen in den Tod gegangen. Auf der anderen Seite stand der Lebenstrieb, der einherging mit Sehnsucht nach Angstfreiheit, Frieden, Konsens und Liebe.

Wenn wir den Todestrieb betrachten, muss es aber irgendwie auch an-ziehend sein, loszulassen und zu sterben, verbunden mit dem verinnerlichten Vorstellung, mit der  Urmutter oder mit Gott zu verschmelzen. Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies unserer ersten neun Monate, aus dem wir durch die Geburt sozusagen vertrieben wurden. Das „Nicht-leben“ bzw. „blinde Vertrauen“ ist später somit nichts Bedrohliches in unserer Erinnerung, sondern schön. Es ist unser unbewusster Begleiter in den ersten Monaten des Daseins und des ganzen Lebens, voraus-gesetzt, man hat unseren Glauben an das Leben nicht durch Entwurzelung unserer Seele zunichte gemacht.

Es war aber nicht nur Sigmund Freud, der den Todestrieb und damit das »Loslassen« ergründete. Es sind wir Menschen selbst, die dieses  Bedürfnis latent oder offen eingestehen. Denn fast täglich konfrontieren wir uns, wenn wir Ängste haben, mit dem Sinn des Lebens, vielleicht mit dem Wunsch, dass das mühselige Leben vorbei ist, mit der Vorstellung des Todes und dem fiktiven Lebens nach ihm.

Wir Menschen versuchen natürlich in erster Linie, die Angst und die Gefahren des Todes zu erkennen und sie zu vermeiden. Wir können es aber nicht ohne weiteres, da wir in erster Linie Affektwesen sind, die unvorsichtig sind und den Tod gewissermaßen herausfordern müssen, um Gefahren zu bewältigen. Manchmal erliegen wir der Angst oder unserem Bedürfnis, loszulassen. Oder wir glauben und hoffen, dass alles im Leben gut geht. Wir hoffen auf Gerechtigkeit und Fairness, damit nichts Schlimmes passiert, wir hoffen, Schmerz und Krankheit zu umgehen, wir fühlen uns aber auch schuldig oder erleben uns als Opfer der Lebensumstände. Wir sehnen uns nach einem guten Leben, manchmal aber auch danach, loszulassen, letztlich nach dem Tod.

Der Tod ist im Leben verbunden mit Angst vor ihm und gleichzeitiger Sehnsucht nach ihm, bzw. nach einem inneren Frieden. Es ist eine Form von Frieden, den wir normalerweise nicht vermuten. Er beinhaltet aber die fiktive Möglichkeit, loszulassen und beinhaltet die Sehnsucht, zu dem zu werden, was wir sind und waren: Moleküle, Atome, Protonen, Neutronen und Quarkes.

Wir wissen nichts über unser Ende. Wir glauben es aber zu wissen. Wissen ist im Sinne von Karl Popper aber nur eine Annahme, eine These. Und Annahmen begründen sich laut Karl Popper auf Glauben. Sie bein-halten nie ein endgültiges Wissen.

Wenn wir glauben, zu sterben oder es uns zumindest manchmal wünschen, loslassen zu können, unterliegen wir dem evolutionär  verinnerlichten Todestrieb und auch einer Vorstellung des Seins nach dem Tod. Beide benötigen wir wohl, um uns den Gefahren des Lebens zu stellen. Einem Rennfahrer geht es da nicht anders als einer werdenden Mutter. Es gibt für beide kein Glück ohne das Risiko des Unglücks, bzw. die Bereitschaft loszulassen. Es gibt kein Lebenstrieb ohne Todestrieb. In diesem Sinne brauchen wir die Fähigkeit, uns dem Lebenstrieb genau wie dem Todestrieb zu überlassen, evtl. an ein fiktives Weiterleben zu glauben. Wir benötigen die Bereitschaft, mit dem Leben ein wenig zu spielen und den Tod herbeizusehnen oder herauszufordern.

Ja ich möchte es überspitzt formulieren:

Ohne Todestrieb gibt es kein Loslassen, ohne Loslassen können keine Bereitschaft zu leben. Denn nur sich widerstrebende Kräfte geben uns Kraft, die Konsequenzen des Lebens und des Todes anzunehmen und zu verinnerlichen.

Dabei gibt uns das Loslassen und die damit einhergehende fiktiven und verinnerlichten Konstrukte des Todes die Sicherheit, die wir  im Leben anfangs nicht finden. Es ist die Sicherheit zu wissen, dass wir loslassen und sterben können.

Auch wenn wir um Glück kämpfen, setzt dies voraus, dass wir Unglück kennen. Wenn wir Sättigung ersehnen, setzt dies voraus, dass wir Hunger erfuhren. Beide Erfahrungen geben uns die Kraft, für unser Leben zu sorgen und den Tod weniger zu fürchten.

Die Polarität von Leben und Vergänglichkeit haben wir seit 100.000 Jahren verinnerlicht, genauso wie Lust und Unlust, Freude und Leid, Aggression und Friedfertigkeit.

Freud hat also Recht, wenn er von Trieben spricht, die wir heute als Affekte bezeichnen, in anderer Form als Emotionen, projiziert auf Bezugspersonen, die wir verinnerlichen.

Er hat Recht wenn er von Verdrängung spricht, die uns hilft, die Polarität von „festhalten“ und „loslassen“ in der Balance zu halten und nur  in kleine Schritten zu lockern, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Durch die Balance finden wir die Kraft, angemessen loszulassen und zu verinnerlichen, ohne zu resignieren.

Die Polarität von Todes- und Lebenstrieb beinhaltet die Fähigkeit, der Widersprüchlichkeit des Lebens einen Sinn zu geben. Denn wer keinen Hunger hat, sieht im Essen wenig Sinn. Wer keine Angst kennt, sieht im Frieden keinen Sinn. Wer nicht um das Ende weiß, sieht in der Gegenwart keinen Sinn. Wer nicht um das Unglück weiß, kann das Glück nicht schätzen.

Loslassen und Sterben ist somit der Garant, leben zu wollen. Loslassen lässt uns schätzen, was das Leben uns schenkt. Das Loslassen gibt uns die Kraft, unseren Kindern ihr Leben zu gönnen, er gibt uns die Kraft, Menschen zu verlassen und verlassen zu werden.

Sterben ist gewissermaßen wie ein guter Freund, der uns die Geborgenheit unserer ersten Monate im Leib unserer Mutter wiedergibt.

Sicher ist diese Geborgenheit auch abhängig vom Glauben an den Urzustand unseres Lebens. Dieser ist in uns als Gabe der Evolution meist fest verankert. Er ist uns wie das Leben vertraut.

Wer loslassen muss und das müssen wir alle, braucht vielleicht eine fiktive Gewissheit, dass er nicht sterben muss, weil er sich in einen Urzustand seines Lebens begibt.

Lebenstrieb und Todestrieb sind sich nicht fremd. Sie sind evolutiv gesehen in uns vorhanden und machen uns deshalb weniger Probleme, als wir glauben. Ja, der Todestrieb und damit die Bereitschaft loszulassen macht uns in gewissem Sinne frei von dem Gefühl der Ohnmacht, frei vom Gefühl, ausgeliefert zu sein, frei von Bedrohungen des Lebens. Wir haben durch sie die Freiheit, uns entscheiden zu können: Für unser Leben oder für unseren Tod. Vielleicht war dies die Freiheit vieler Märtyrer, ihre Kraft und ihre Macht. Sie hatten nichts zu verlieren, da sie eine Alternative hatten: Ihren Tod und Ihren Glauben an Gott.

Der Todestrieb beinhaltet aber nicht, dass wir sterben wollen, er bedeutet, dass wir die Bereitschaft in uns tragen, loszulassen. Der Todestrieb geht in diesem Kontext gewissermaßen mit der Sehnsucht nach einem inneren Gleichgewicht einher, leben zu wollen. Dieses gibt uns Geborgenheit.

Dabei ist es nicht so entscheidend, was wir mit der Vorstellung des Loslassens verinnerlichen. Entscheidend ist, dass wir verinnerlichen. Es sind vielleicht unsere Eltern, die wir in uns spüren, es ist vielleicht Gott oder es ist vielleicht unser zweites Ich, mit dem wir eine fiktive Form von Gemeinschaft bilden.

Wir Menschen verinnerlichen, weil wir Geisteswesen sind, neben dem Todestrieb auch Schönes, gute Erinnerungen, liebe Menschen, gute Gedanken, religiöse Sehnsüchte. Wir verinnerlichen Inhalte, die unserem Leben einen Sinn gaben und dem Loslassen  Sinn ermöglichen.

Damit hat unser Leben für das Sterben eine große Bedeutung. In ihm verinnerlichen wir wie erwähnt Vorstellungen, Beziehungen, Personen und Zustände. Für den einen ist es die Familie, für den anderen sein soziales Engagement, für den Dritten seine großen oder kleinen Glücks-gefühle. Für den Nächsten ist es seine Kreativität und sein Glauben.

Jeder kann im Prozess des Loslassens in den Dialog mit sich selbst und mit dem, was ihm Halt gibt, treten.

Er kann dadurch sozusagen weiterleben, auch wenn er loslassen muss.

 

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Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer