Gewohnheiten und Rituale sind Bestandteil unseres Lebens, sie erleichtern den Alltag (Begrüßungen) und sie bilden eine Strategie der Sicherheit in Phasen des Übergangs sowie bei neuen Lebensabschnitten mit hoher emotionaler Relevanz (Tauf-, Hochzeit- und Beerdigungsrituale). Davon zu unterscheiden sind Zwangsstörungen, die für Betroffene eine enorme Belastung und Beeinträchtigung darstellen.

  • Innerer, subjektiver Drang der Person, bestimmte Inhalte zu denken oder Handlungen auszuführen.
  • Widerstand der Person gegen den Impuls.
  • Einsicht in die Sinnlosigkeit der Gedanken und Handlungen.
  • Deutliche Beeinträchtigung des Lebensvollzugs durch die Gedanken und Handlungen. Die Beachtung dieser Kriterien ist ausgesprochen wichtig, um Zwangsstörungen von anderen psychischen Störungen eindeutig abzugrenzen, z. B. von Depression, Angststörungen, Hypochondrie, Psychose, Störungen der Impulskontrolle.

Hinzuweisen ist darauf, dass bei vielen Zwangsstörungen auch andere psychische Störungen eine Rolle spielen. In der Nosologie werden Zwangshandlungen einerseits und Zwangsgedanken andererseits unterschieden. Zwangsstörungen galten zunächst als sehr seltene psychische Störungen, seit umfangreichen epidemiologischen Untersuchungen ist weltweit von einer Rate der Zwangsstörungen mit 1–2% auszugehen. Männer und Frauen sind in etwa gleichermaßen betroffen, der Beginn der Störung wird recht einheitlich mit dem Beginn des 3. Lebensjahrzehnts angegeben.

Für die Erklärung der Zwangsstörungen muss auf ein Zusammenwirken von biologisch-genetischen Variablen, individuell lern- und entwicklungspsychologischen Faktoren sowie auf Aspekte der Umgebung und der Kultur verwiesen werden (bio-psycho-soziales Modell; Ätiologie).

Speziell für die Aufrechterhaltung kann auf diese Therapie hingewiesen werden: Ein aufdringlicher Gedanke wird von der Person als sehr unangenehm bewertet, er führt zu einer sehr unangenehmen physiologischen Erregung, woraufhin die Person eine Unterdrückung des Gedankens, genannt Neutralisieren, in Gang setzt. Dies bedeutet zwar zunächst eine kurzfristige Erleichterung (negative Verstärkung), im Sinne eines Rückkoppelungsprozesses beinhaltet dies aber einen Hinweis auf die Bedeutung des Gedankens, was den Ablauf der Problematik erneut in Gang setzt (Wiederholungszwang).

Entscheidend an diesem Modell ist die Differenzierung in eine Stimulus- und Reaktionskomponente der Zwangsstörung: Der erste Gedanke (Stimulus) führt zu einer Erhöhung von Angst und Unruhe, das Neutralisieren (Reaktion) zu einer Reduktion derselben. Genau diese beiden Aspekte sind auch für die psychotherapeutische Behandlung ausschlaggebend: Auf der Grundlage einer detaillierten Psychoanalyse und Zielklärung sowie der Motivation des Betroffenen geht es darum, zu erleben, dass Angst und Unruhe als Folge des Gedankens (Konfrontation mit Reaktionsverhinderung) auch abklingen, wenn die Person das vermeintlich entlastende Ritual unterlässt.

Neben der Behandlung durch Konfrontation und Reaktionsverhinderung spielen insbesondere Strategien der kognitiven Therapie (Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie) eine wichtige Rolle. Hier geht es um die Vermittlung eines plausiblen Modells der Problematik ebenso wie um die Veränderung der Bewertung eines Gedankens. Neben den Strategien auf Ebene der Symptomatik im engeren Sinne geht es bei der Behandlung von Zwangsstörungen auch um Bearbeitung psychodynamischer Prozesse (Schuld- und Angst), Validierung, Ich-Stärkung und die Vermittlung von inneren Alternativen wie Aggressivität, damit um die Förderung von Fähigkeiten in der Bewältigung des Lebens und um Hilfestellung im Bereich von Familie und Partnerschaft.

Generell kann die Behandlung von Zwangsstörungen heute als durchaus erfolgversprechend beurteilt werden: Umfangreiche Studien zeigen, dass rund 70–85% der Patienten von einer Behandlung deutlich profitieren, wobei von einer Effektstabilität von ca. 70% nach zwei Jahren ausgegangen werden kann. Offene Fragen betreffen vor allem Aspekte der Motivation zur Veränderung, Merkmale der therapeutischen Beziehung und auch die Frage der Vernetzung der Problematik im persönlichen und sozialen Kontext der Person. Aus diesem Grunde muss man gerade hier dem Problem der Misserfolge (Misserfolg, psychotherapeutischer) in der Behandlung besondere Beachtung schenken.

Zwänge können den Alltag und die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen schwer beeinträchtigen. Sie verursachen Ängste, setzen Patienten unter starken Druck und nehmen oft so viel Zeit und Energie in Anspruch, dass eine Depression entstehen kann und Beziehungen deutlich belastet werden. Forschung und Praxis haben inzwischen gezeigt, dass Zwänge mit kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) deutlich reduziert oder sogar geheilt werden können.

Das Privatinum hat sich deshalb auch der Behandlung von Zwangserkrankungen zugewandt. Dabei arbeiten wir nach einem Konzept mit Schwerpunkt auf der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), einer modernen Weiterentwicklung der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie. Einen großen Raum nimmt deshalb die Klärung von Werten und Lebenszielen ein, aus denen dann konkrete Handlungsabsichten (commitments) abgeleitet werden.

Es werden Erkrankungen störungsspezifisch behandelt. Dazu gehören Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, in zweiter Linie auch Tic-Störungen, das Tourette-Syndrom, Trichotillomanie und andere Störungen der Impulskontrolle. Den aktuellen Leitlinien zufolge ist die Psychotherapie eine wirksame Behandlungsmethode für Zwangserkrankungen. Je nach Schweregrad, Dauer und Form der Erkrankung ist eine medikamentöse Unterstützung durch Psychopharmaka ebenfalls sinnvoll.

Grundlegendes Element dieser Behandlung ist die Konfrontation mit den Zwangsinhalten, welche von einem Team aus Ärzten, Psychotherapeuten und Pflegepersonal begleitet wird. Unser Konzept mit Schwerpunkt auf ACT, einer Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, kombiniert die wirksamsten Bestandteile der VT mit achtsamkeits- und akzeptanzbasierten Strategien und mit Interventionen zur Sinnklärung.

Die Patienten lernen dabei, ihr Leben und Handeln nach ihren Sinninhalten auszurichten. Das übergeordnete Ziel ist, die psychische Flexibilität zu erhöhen, die für ein sinnorientiertes Leben unter ständig wechselnden inneren und äußeren. Hierzu kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz, die zum Teil buddhistischen Meditationspraktiken und dem Methodenrepertoire anderer therapeutischer Schulen (z. B. der Gestalttherapie) entliehen sind.

Psychische Flexibilität bedeutet, dass eine Person in vollem Kontakt mit der Gegenwart und je nachdem, was das Hier und Jetzt und die selbst gesetzten sinnorientierten Ziele erfordern, ihr Verhalten ändern oder beharrlich beibehalten kann. Eine stationäre Aufnahme erfolgt nach einem ambulanten Vorgespräch in der Praxis. Hier findet eine ausführliche Diagnostik und Beratung statt, bei der sich die Patienten über die Behandlung und weitere Perspektiven informieren können. Ambulante Therapieplätze werden über die Praxis der TK vermittelt.

Prof. Dr. Dr. Erich W. Burrer

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